«Wenn sie meine Power spüren, flüchten sie»

Volkan Oezdemir hat das Seuchenjahr 2018 hinter sich. Nun will der Schweizer zurück in den MMA-Käfig – und zurückfinden zum Siegen.

Volkan Oezdemir ist Freiburger und der erste Schweizer MMA-Kämpfer, der sich in der Ultimate Fighting Championship (UFC) versucht. Der heute 29-Jährige startete 2017 kometenhaft mit drei Siegen seine UFC-Karriere. Das brachte ihm einen WM-Kampf gegen Daniel Cormier ein. 2018 verlor Oezdemir diesen nach technischem K. o. Und auch beim nächsten Fight gegen Anthony Smith verliess der Schweizer den Käfig – auch Cage genannt – als Verlierer. Zudem erkrankte er 2018 an einer Staphylokokkeninfektion. Und wäre das nicht genug, kam noch eine Knieoperation dazu.

Nach diesem «Seuchenjahr», wie es Oezdemir selber betitelt, steht am Samstag an der UFC-Fight-Night in London (Eventbeginn um 18 Uhr Schweizer Zeit) sein nächster Kampf im Halbschwergewicht an (Kampfbeginn ca. 22 Uhr Schweizer Zeit). Gegner ist der Amerikaner Dominick Reyes, in der UFC nach vier Kämpfen noch unbesiegt. Oezdemir kündigte im Vorfeld einen «grossen Knockout » an. Wir haben beim Schweizer nach dem offiziellen Wiegen am Freitag – Oezdemir brachte 205 Pfund, also rund 93 Kilo auf die Waage – nachgefragt. Im Interview gibt er Einblick in seine Vorbereitung.

Volkan Oezdemir, wie hungrig sind Sie?

Ich bin äusserst hungrig – in zweierlei Hinsicht. Zum einen will ich einfach zurück in den Käfig. Ich will wieder erleben, wie sich der Käfig schliesst und zum Siegen zurückkehren. Zum anderen habe ich einen Tag gehungert, um auf mein Gewicht zu kommen. Nun darf ich wieder essen, gemeinsam mit meiner Familie und meinen Freunden in London.

Sie haben Ihre UFC-Karriere mit drei Siegen begonnen. Seither haben Sie zweimal verloren. Was für einen Einfluss haben diese Niederlagen?

Sie haben nicht allzuviel Einfluss auf meine Mentalität. Ich habe gegen die härtesten Fighter der Welt gekämpft, kam in weniger als einem Jahr zu einem Titelkampf. Trotz den Niederlagen bin ich mental noch immer stark. Ich gehe mit solchen Situationen jeden Tag um. Jedes Mal wenn ich trainiere, führe ich mir vor Augen, was ich erreicht habe, aber auch wie zufrieden ich mit dem bin, was ich gerade an diesem Tag gemacht habe. Das alles hilft mir, den Sieg sicherzustellen.

Ihre Psyche ist also total auf den Sieg am Samstag eingestellt.

Genau, ich habe den totalen Tunnelblick: Was auch immer um mich herum passiert, was auch immer jemand über mich sagt, spielt keine Rolle. Ich bin hier, um meine Arbeit zu erledigen.

In einfachen Worten erklärt: Warum siegen Sie am Samstag?

Das muss für Leute verrückt klingen: Wer auch immer im Ring steht, für den stelle ich ein Problem dar. Sobald ich im Cage bin, ändert sich meine Mentalität: Mir ist es egal, wer mir gegenübersteht. Ich weiss, was ich zu tun habe. Ich kenne meine Strategie, ich fühle, was mein Gegner tun wird.

Ihr Gegner, Dominick Reyes, ist in der UFC noch ungeschlagen. Wie sieht Ihr Rezept gegen ihn aus?

Für mich spielt es keine Rolle, ob er ungeschlagen ist oder nicht. Ich glaube, er ist nicht gegen so starke Gegner wie ich angetreten.

Er hat gesagt, er werde Sie beim Bodenkampf besiegen, wenn nötig, so wie Cormier und Smith. Was sagen Sie dazu?

Ja, das scheinen alle zu machen. Wenn sie meine Power spüren, suchen sie nach einem Fluchtweg.

Ihr Spitzname ist «No Time». Von wem haben Sie den bekommen?

Mit einem Freund von früher und meinem Manager haben wir den entwickelt. Es lief so viel zu dieser Zeit (sein rasanter Aufstieg in der UFC, Red.), das passte perfekt.

Wenn wir von Zeit sprechen: Sie sind 29 – wie viel Zeit haben Sie noch in der UFC?

Der ehemalige Champion in meiner Division ist aktuell 40 Jahre alt und noch aktiv. In jeder Division gibt es einige Kämpfer, die gegen die 40 gehen. Deshalb denke ich, ich habe noch sieben bis zehn Jahre vor mir. Es geht darum, intelligent zu sein und seinen Körper zu respektieren. So kann man eine gute Zukunft im Sport gewährleisten.

Sie kämpfen dieses Mal in London statt in Nordamerika. Was bedeutet Ihnen das?


Das ist toll. Das Londoner Publikum kennt sich mit Kampfsport aus, es gibt eine lange Box-Historie. Es fühlt sich gut an hier zu kämpfen, das Publikum ist wirklich verrückt – sportverrückt, ich werde es geniessen.

Sie haben in der Schweiz trainiert. Hatte Sie das speziell beeinflusst?

Ja, auf jeden Fall. Ich bin zurück beim Team, das mich wachsen sah. Das ist dasselbe Team, das mir half, alle meine Siege, vom zweiten bis zum 13. Profi-Fight, einzufahren.

Sie wurden in den USA wegen Körperverletzung angeklagt. Die Klage wurde mittlerweile fallengelassen. Trotzdem erhalten Sie kein Visum für die USA. Weshalb nicht?

Mit der neuen Administration ist das aktuell kompliziert, es braucht einfach viel Zeit. Aber ich habe mich noch gar nicht für ein Visum beworben, ich wollte zuerst noch kämpfen. Die Bewerbung folgt am 19. März, dann habe ich ein Meeting in der Botschaft. Der nächste Schritt ist dann in die USA zurückzukehren, meine Verlobte wartet da auf mich. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.03.2019, 15:26 Uhr