«Tatort» aus Münster: wo der deutsche Humor verborgen liegt

Am Montag notiert eine junge Frau, der die innere Not aus Rehaugen äugt, auf ihren Spiegelschrank den Mord des Tages. Staatsanwältin Wilhelmine Klemm scheint in Gefahr zu sein. Das Tagebuch der jungen Dame wird am Dienstag um die Hinrichtung von Rechtsmediziner Boerne erweitert. Und so weiter und so fort im Ringelreigen; jeder und jede im Team um Kriminalhauptkommissar Frank Thiel hat die Ehre, als Opfer infrage zu kommen.

Am Freitag soll Schluss sein, und das Kommissariat Münster samt Staatsanwaltschaft wäre aufgelöst. All das erledigt die Schauspielerin Kathrin Angerer mit der Hingabe eines leidenden Racheengels. Dazu hat sie, im Fond eines Taxis sitzend, mit einer Brille, wie sie Audrey Hepburn in «Frühstück bei Tiffany» trug, den schönsten Satz, der im Fernsehen seit langem zu hören ist: «Ich bin verwechselbar.»

Dieser «Tatort»hat viele kleine szenische Höhepunkte. Und wenig an ihm ist «verwechselbar», die heimliche Protagonistin am wenigsten. Und doch, man müsste einem Drehbuchautor gewisse Dinge verbieten dürfen: zum Beispiel diesen Plot, «Spieglein, Spieglein». Dass der Autor in den ersten Bildern die Mörderin verrät, erwartet das avancierte Publikum. Doch Benjamin Hessler, ein durchaus im Genre erfahrener Mensch, treibt es allzu bunt.

Er erzählt entlang des Doppelgänger-Motivs eine Story, die nachgerade an den Haaren – hier an Perücken – herbeigezogen ist. Auf der Klimax des Klamauks trifft Wilhelmine Klemm (Mechthild Grossmann) ihr Ebenbild auf dem Seziertisch wieder, «Alberich» (Christine Urspruch) geht es genauso, und Boerne (Jan Josef Liefers) sieht sich doppelt in einem ungewaschenen Freak, der zwar noch lebt, aber eigentlich tot sein sollte. Das Team Münster hat einen mordsmässig konstruierten Fall zu lösen, der selbst beim Anhänger skurriler Szenen nicht einmal als nachgereichter Karnevalsscherz durchgeht.

Und wo ist Hoffnung? Denn doch, es gibt sie. Zwei Randfiguren erleben hier so etwas wie ihren Durchbruch. Dafür ist Autor Hessler wiederum sehr zu loben: Rechtsmedizinerin Silke Haller wächst, ganz zu Beginn und am Ende, in Sachen Geistesgegenwart über sich selbst hinaus. Und erst der Neue! Die Ferienvertretung von Kommissarin Krusenstern ist die ideale Gegenbesetzung von Friederike Kempter. Dick unter Klischees liegt die Figur des Mirko Schrader begraben, doch wenn er auf eigene Faust ermittelt, dann spielt sich Björn Meyer frei und läuft zu Hochform auf.

Was bleibt zum – absehbar – schlechten Ende? Es ist die schöne Überraschung, dass man bei der Suche nach dem deutschen Humor offenbar in einer Behörde, in einem Strassenverkehrsamt, fündig geworden ist.