Spielabbruch nach Fackelwürfen: Die Grasshoppers zerstören sich selbst

Es ist das Signal einer angekündigten Eskalation und einer immer grösseren Entfremdung zwischen Klub und Basis, als Fans der Grasshoppers am Samstagabend in Sitten mit dem Werfen von Leuchtfackeln einen Spielabbruch provozieren. Schon vor etwas mehr als zwei Wochen, im Heimspiel gegen Luzern, hatten sie ihren Sektor verlassen und Teile der Haupttribüne eingenommen. Bereits dies hatte als Drohgeste gegenüber der Klubführung verstanden werden können. Auf ein Plakat hatten sie geschrieben: «Wenn ihr nicht zu uns kommt, kommen wir zu euch.» Eine Woche später hängten einzelne Fans ein Transparent mit einer Sympathiebekundung für einen deutschen Neonazi in der Kurve auf. Niemand hinderte sie daran.

Und nun also der Vorfall von Sitten, der vermutlich zur Folge haben wird, dass GC das Spiel forfait verliert und eine Geldbusse bezahlen muss. Auf dem Weg zur Autobahn musste der Mannschaftsbus von einer Polizeieskorte geschützt werden – aus Angst, er könnte von den eigenen Fans angegriffen werden. Gewalteskalationen hat es im Schweizer Fussball immer wieder gegeben, und für einmal ist auch das Stadioninnere wieder betroffen. Dies ist der Verantwortungsbereich der Vereine. Ausserhalb der Stadionmauern könnten sie nichts gegen die Gewalt tun, sagen die Klubs jeweils. Diesmal konnten sie es auch innerhalb nicht.

Was im Tourbillon nach dem Spielabbruch geschah, ist ein ritueller Reflex der Empörung. Niemand verkörperte ihn besser als der GC-Präsident Stephan Anliker, der sagte, das Vorgefallene sei eine Katastrophe für den Schweizer Fussball, man könne nicht nur immer fabulieren, es müsse endlich etwas geschehen. Aber nach diesem «Etwas» suchen Klubs, Polizei und Politik nun schon seit vielen Jahren. Roland Leutwiler, einer von Anlikers vielen Vorgängern, schrie im Dezember 2011 über das Stadion-Mikrofon in Richtung der zündelnden Fans, sie sollten endlich aufhören. Ab diesem Tag wurde Leutwiler zynisch «Pyro-Roli» genannt. Doch genau so hilflos wie er damals ist man auch heute noch. Im Letzigrund zünden die GC-Fans keine Fackeln, weil sie das Stadion nicht als ihre Heimat verstehen. Auswärts schon.

Es gibt keine Rechtfertigung, keine Entschuldigung und kein Verständnis für diese Frustrationsexplosion der Fans. Und GC steht im Schweizer Fussball mit diesem Problem auch nicht allein da. Aber es gibt einen inneren Zusammenhang, dass die Grasshoppers gerade jetzt davon betroffen sind, in der schlechtesten Saison ihrer Vereinsgeschichte, in einer Zeit, in der die Krise alles und jeden erfasst: den erfolglosen Fussball, die erratische Führung, den Nachwuchsbereich, wo sich Trainer bestechen liessen. Und nun also auch die gewaltbereiten Anhänger, von denen es heisst, es seien nur sehr wenige, die aber eine Wirkung entfalten, als seien es sehr viele.

Die Krise der Grasshoppers hat längst selbstzerstörerische Züge angenommen. Der Klub war schon vor dem Abend in Sitten mit dem Krisenmanagement überfordert. Er hat schon lange den Überblick über seine vielen Baustellen verloren. Dazu passt, dass er sich beispielsweise nicht rechtzeitig um eine Arbeitsbewilligung für den neuen Trainer Tomislav Stipic gekümmert hat. Und jetzt sieht sich GC einer Situation gegenüber, die den Verein noch ratloser machen muss. Niemand im Klub war auf eine solche Dynamik vorbereitet, obwohl man sie vielleicht hätte antizipieren können, weil man um das Aggressionspotenzial einzelner Fans wissen musste. Und dies gerade in einem Sektor im Tourbillon, der als schlecht gesichert und fast schon als rechtsfreier Raum gilt.

Nun geht es um innere Auflösungserscheinungen. Anliker redete von vereinzelten Fans als «wilden Tieren», mit denen man nicht sprechen könne. In einem Klima von Angst, Wut und Verzweiflung fehlen die Worte. «Bekokst und betrunken» seien einige Fans gewesen, sagte Anliker. Doch die Kommunikation war schon vorher gestört. Am Mittwoch hätte eine Aussprache zwischen Klub und Fans stattfinden sollen. Die GC-Führung hat sie offenbar abgesagt.

Wie wenig Glaubwürdigkeit und Akzeptanz der Präsident Anliker und der CEO Manuel Huber geniessen, zeigte sich, als sie mit der Mannschaft und dem Trainer die Fans in der Kurve beruhigen wollten. Oft zeigen solche Beschwichtigungsversuche Wirkung. Doch was deeskalierend hätte sein sollen, hat die Situation bloss noch verschärft. Es war ein hoffnungsloser Canossagang. Spieler und Führung mussten aufpassen, um nicht von Fackeln getroffen zu werden. Der Einzige im Klub, der bei den Anhängern noch Zustimmung findet, ist der Goalie Heinz Lindner. Fast alle anderen gelten nach langen Krisenmonaten und -jahren als diskreditiert. Ob es geholfen hätte, Lindner alleine vor die Kurve zu schicken, ist schwierig zu sagen. Der Vorwurf, die Führung verstecke sich, wäre rasch zur Hand gewesen.

Der Präsident Anliker sagte, das Verhalten der Fans nehme GC im Abstiegskampf «alle Chancen». Aber dafür, dass es überhaupt so weit kommen konnte, trägt er eine Mitverantwortung. Gerade auch wieder mit der Wahl des Trainers Stipic. Denn was an diesem Abend beinahe vergessen ging: Die Grasshoppers waren bis zum Spielabbruch und bis zum 0:2-Rückstand chancenlos. Und der Trainer hatte eine Aufstellung gewählt, die eigentlich nur eine Erkenntnis zuliess: Er kennt seine Mannschaft noch überhaupt nicht.