Ferrari-Chef Binotto fordert den Titelgewinn in der Formel 1

Unter den Teamchefs der großen vier Formel-1-Rennställe, die vor dem Großen Preis von Australien (morgen, 6.10 Uhr) im Albert Park einen guten ersten Eindruck abgeben sollen, wirkt Sebastian Vettels neuer Vorgesetzter Mattia Binotto wie ein Streber. Der Ferrari-Statthalter sitzt in der ersten Reihe neben dem zynischen Christian Horner von Red Bull Racing, dem strahlenden Toto Wolff von Mercedes und dem immer unzufrieden wirkenden Cyril Abiteboul von Renault, und er fällt vor allem durch seine Harry-Potter-Brille auf. Es ist nicht bekannt, ob er den Zauberspruch „Expelliarmus!” aus den Büchern von J.K. Rowling kennt, aber er würde ganz sicher passen zu dieser Saison, in der es für Vettel und Ferrari um alles oder nichts geht. Denn diese magische Formel besagt: Entwaffnet den Gegner mit einem roten Lichtstrahl!

Binotto gewinnt den internen Machtkampf

Der ehemalige Motoreningenieur von Michael Schumacher, der zuletzt Cheftechniker war, hat am Ende der der vierten Saison, in der Sebastian Vettel den WM-Titel verpasst hat, den internen Kampf gegen Maurizio Arrivabene gewonnen. Machtmensch A. und Maschinenmensch B. waren mehr oder weniger offen auf Konfrontationskurs, wobei A. mehr Fehler unterliefen. In dem internen Gerangel nach dem Tod von Fiat-Lenker Sergio Marchionne ging der Scuderia erst der technische Vorteil und dann der gemeinschaftliche Teamgeist verloren. Am Ende hat sich wohl Fiat-Erbe John Elkann für Binotto als den Mann mit der größeren Perspektive entschieden, Vettel soll darüber erleichtert gewesen sein. Der Heppenheimer hatte zuvor Status und Einflussnahme vermisst.

Den Druck, unter dem Arrivabene stand, hat Binotto geerbt. Angst macht das dem 49-Jährigen, der in der Schweiz geboren wurde, nicht. Beim Amtsantritt in der Technikabteilung hatte er die jungen italienischen Ingenieure zusammengerufen und sie aufgefordert: „Ich möchte, dass ihr Dinge macht, die noch niemand in der Formel 1 gemacht hat. Keine Sorge, wenn es schiefgeht – dann kassiere ich die Prügel.” Seine Lehrherren, zu denen Jean Todt, Ross Brawn und Stefano Domenicali gehörten, haben ihn diesen Mut gelehrt.

Das Ziel von Ferrari: Weltmeister werden, jetzt oder nie!

So geht er auch die neue Verantwortlichkeit an der Spitze der ruhmreichen Gestione Sportiva an, die jetzt schon seit 2007 einem Weltmeistertitel entgegendarbt: „Ich habe ein paar Dinge mehr zu tun, aber die Technik besitzt die höchste Priorität, denn darum geht es doch in diesem Sport.” Stimmt schon, aber die mentale Kraft sollte auch keiner unterschätzen, gerade bei Ferrari nicht, dem FC Bayern des Motorsports. Innovator, Motivator und Moderator in Personalunion, das ist einer der härtesten Jobs in der rasenden Champions League. Doch Ferrari-Präsident Louis Camilleri, obwohl er als Freund Arrivabenes gilt, lobte den neuen Vormann in den höchsten Tönen: „Mattia ist seit einem Vierteljahrhundert bei Ferrari und kennt die Scuderia in- und auswendig. Er kann Menschen zusammenbringen und das Beste aus ihnen herausholen. Mit ihm beginnt ein neues Kapitel. Wir haben volles Vertrauen, dass er uns zum Erfolg führt.” Hinter den freundlichen Worten steht die knallharte Forderung: Weltmeister werden, jetzt oder nie! Das gilt vor allem auch für Vettel, der im fünften Jahr für Ferrari fährt – so lange hatte zur Jahrtausendwende auch Michael Schumacher gebraucht, um erstmals Weltmeister in Rot zu werden. Binotto gilt bei Ferrari als „Superhirn”, auch das ist Anspruch und Verpflichtung zugleich. Ross Brawn, der als Erster diesen Ehrentitel trug und heute Geschäftsführer der Formel 1 ist, schätzt den neuen Ferrari-Teamchef als Pragmatiker, der einen klaren Blick auf die Dinge wirft: „Ich denke, er wird wieder mehr Ruhe hereinbringen.”

Generell herrscht ein neues Selbstbewusstsein bei Ferrari, auch wenn wegen der strengen australischen Tabakbestimmungen der Werbeslogan von Philip Morris von den mattroten Rennwagen verschwinden musste. Sebastian Vettel und sein neuer Nebensitzer Charles Leclerc fahren nun Reklame für 90 Jahre Ferrari im Rennsport. Der eigentliche Slogan des Teams aber wird nicht aufgeschrieben, sondern ausgerufen: „Essere Ferrari – wir sind Ferrari.” Der wichtigste Sieg ist zunächst der über alle Zweifel.