435 Kilometer für den Brexit

Für den Brexit ziehen rund Hundert Brexit-Aktivisten ihre Wanderschuhe an: Ihr zweiwöchiger Protestmarsch von Sunderland nach London soll dem Parlament Druck machen, die Scheidung von der EU endlich abzuschließen.

Aus dem nordostenglischen Ort Sunderland hat sich ein Protestzug von Brexit-Befürwortern nach London aufgemacht, um auf diese Art für den Austritt Großbritanniens aus der EU zu protestieren. Wie viele Teilnehmer der “March to leave” hat, ist noch nicht klar. Nachrichtenagenturen berichteten von bis zu 200, auch Demonstrierende selbst nannten diese Zahl bei dem Kurznachrichtendienst Twitter.

Rund 435 Kilometer wollen die Brexit-Anhänger zurücklegen. Ziel des Zuges ist es, am 29. März, dem ursprünglich vorgesehenen Austrittsdatum, vor dem britischen Parlament anzukommen.

“Nicht um Brexit betrügen lassen”

Der Marsch startete unter der Führung von Nigel Farage, dem früheren Chef der UKIP-Partei. Farage zählt zu den rigorosesten Brexit-Anhängern. Er selbst hatte zu seiner Zeit als Parteichef den damaligen Premierminister David Cameron unter Druck gesetzt, die Briten per Referendum über den Verbleib in der EU abstimmen zu lassen. Im vergangenen Juni verließ Farage die Ukip.

Seinen Einsatz, um für den Brexit zu werben, fuhr Farage aber auch nach dem Abschied von der UKIP nicht zurück. Bevor sich der Marsch in Sunderland in Bewegung setzte, betonte er, die vergangene Woche habe gezeigt, dass das Parlament “sein Möglichstes tue”, um die Wähler um den Brexit zu betrügen. “Es beginnt so auszusehen, als ob das Parlament den Brexit gar nicht mehr will”, sagte Farage weiter und schickte warnende Worte nach London voraus:

“Falls Ihr glaubt, Ihr könntet uns übergehen, dann werden wir mit aller Stärke gegen Euch marschieren.”

Den gesamten Marsch wird Farage aber nicht mitlaufen, er wolle sich für etwa ein Drittel der Wegstrecke anschließen.

Bricht mit dem Brexit der Hauptarbeitgeber weg?

Das nordenglische Sunderland kämpft mit wirtschaftlichen Problemen. Einst der größte Schiffbaustandort der Welt, hängen heute die meisten Arbeitsplätze der Region am dortigen Standort des Autobauers Nissan. 7000 Menschen arbeiten in der Fabrik, hinzu kommen 40.000 weitere Jobs bei den Zulieferern.

Doch der Brexit könnte den Konzern zum Umdenken bewegen. Schon jetzt will Nissan offenbar die Produktion in dem Werk einschränken. Und wie andere Unternehmen auch könnte der EU-Austritt Großbritanniens einen kompletten Wechsel des Produktionsstandorts zur Folge haben. Trotzdem will Sunderland raus aus der EU – bei dem Referendum 2016 sprachen sich 61,3 Prozent der Einwohner für den Brexit aus.

Deal und No-Deal im Parlament gescheitert

Doch wie und wann es mit dem Brexit weitergeht, weiß derzeit so richtig niemand. Den Austrittsvertrag, den Premierministerin Theresa May mit der EU ausgehandelt hat, will das Parlament nicht – auch nicht, nachdem beim sogenannten Backstop nochmal im Sinne Großbritanniens nachgebessert worden war. Der “Backstop” soll eine harte Grenze zwischen dem EU-Mitglied Irland und dem britischen Nordirland verhindern.

Doch ganz ohne Deal wollen die britischen Abgeordneten auch nicht raus aus der EU. Diesen Antrag schmetterte die Mehrheit ebenfalls ab. Stattdessen soll der Austritt erst einmal verschoben werden – für wie lange ist aber ebenfalls noch unklar. Denn einer Verlängerung des Austrittstermins müssen alle EU-Mitgliedsstaaten zustimmen und nicht alle, etwa Italien oder Ungarn, sehen den Aufschub positiv.

Timmermans: Briten sollen klären, was sie wollen

Der Vizepräsident der EU-Kommission, Frans Timmermans, schlug gegenüber den Zeitungen der Funke-Mediengruppe einen zweistufigen Aufschub vor: zunächst für ein paar Wochen. In dieser Zeit müssten sich die Briten entscheiden, was sie überhaupt wollten. Neuwahlen? Oder ein neues Referendum? Erst, wenn das geklärt sei, könne man einen Aufschub um mehrere Monate in Erwägung ziehen.