Viel Frust beim FC Luzern nach der 1:3-Niederlage gegen Sion

Urs Schnyder (32) musste nach dem Schlusspfiff nicht nur ein gellendes Pfeifkonzert über sich ergehen lassen. Er bekam auch Bierspritzer von erbosten Zuschauern auf der Haupttribüne ab, die Ordner konnten den Schiedsrichter beim Verlassen des Platzes nur ungenügend schützen.

Dabei war es doch eigentlich ein Heimspiel für den Luzerner Schnyder, der aus Escholzmatt im Entlebuch stammt, früher beim FC Escholzmatt-Marbach kickte. Es hat schon oft Diskussionen gegeben, warum in der Schweiz Unparteiische Spiele von Vereinen leiten dürfen, aus deren Region sie stammen. Immer dachte man dabei daran, dass der entsprechende Referee die eigene Klubmannschaft bevorteilen könnte.

Am Mittwochabend beim Nachtragsspiel zwischen dem FC Luzern und dem FC Sion war es gewiss nicht so. Im Gegenteil: Schnyder, von Beruf Doktor der Sportwissenschaften, beeinflusste den Match – und zwar deutlich zu Gunsten der Gäste aus dem Wallis. Schnyder arbeitet seit Anfang des letzten Jahres in einem 50-Prozent-Pensum als Schweizer Fifa-Ref, zu 50 Prozent ist er als Sportlehrer an einem Gymnasium in der Nähe von Bern angestellt. Was war geschehen? In der 5. Minute zeigte Schnyder Ruben Vargas (20) die gelbe Karte, nachdem der Linksaussen an der Seitenlinie im beidseitigen Kampf um den Ball den Fuss von Jan Bamert leicht touchiert hatte. Eine fragwürdige, übertriebene Verwarnung für ein Dutzendfoul. Gravierende Folgen hatte dieses Verdikt des Refs in der 19. Minute: Vargas war in einem Zweikampf um den Ball dem Sion-Profi Ermir Lenjani auf den Fuss getreten. Schnyder zeigte die gelb-rote Karte. Jene zweite Verwarnung konnte man geben, doch in der Summe mit dem ersten Vergehen war der Platzverweis nach nicht einmal 20 Minuten übertrieben. Schnyder liess jegliches Fingerspitzengefühl vermissen, verwies einen der attraktivsten Offensivspieler der Liga, der einen einwandfreien Ruf als fairer Jungprofi hat, des Feldes.

Der Match war beim Spielstand von 1:1 auf den Kopf gestellt, der FCL musste über 70 Minuten mit einem Mann weniger auskommen.

Doch nicht genug damit: In der 78. Minute hielt Lazar Cirkovic den eingewechselten Stürmer Roberts Uldrikis leicht am Trikot zurück, Schnyder pfiff zum grossen Erstaunen von FCL-Goalie David Zibung Foulpenalty.

Der ebenfalls eingewechselte Adryan traf vom Punkt zur 2:1-Führung für Sion (79.).

Luzern-Coach René Weiler sagte später: «Ich war völlig irritiert, dass der Ref auf Penalty entschied. Cirkovic hat leicht gezupft – mehr nicht.» Er schaute zu Sion-Trainer Murat Yakin und ergänzte: «Muri und ich arbeiteten schon im Ausland, wir sind überrascht, was wir immer wieder über uns ergehen lassen müssen in der Schweiz.» Gemeint waren die Schiedsrichterleistungen. Yakin sagte bei der Verabschiedung von Weiler: «Ich bin froh, haben wir den Penalty bekommen.» Der Ex-FCL-Coach war erleichtert, dass sein Team in Überzahl den Sieg holte, mehr nicht. «Spielerisch haben wir Luft nach oben», so Yakin. Luzern zeigte immerhin Moral, Pascal Schürpf hätte den Ball beinahe an Sion-Torhüter Kevin Fickentscher vorbei zum 2:2 (85.) ins Tor geschossen. Frustriert meinte er: «Einen so frühen Platzverweis nach 20 Minuten habe ich in meiner Karriere noch nie erlebt. Bitter ist auch der Penalty.» Kurz vor Schluss erzielte Adryan mit seinem zweiten Tor das 3:1 aus Sicht der Walliser.

Ohne Ref-Beeinflussung war der FCL-Start schlecht: Nach 70 Sekunden traf Bruno Morgado zum 1:0 von Sion.

Zum 1:1 lenkte Bamert ins eigene Tor. Luzerns Rückrundenstart ging daneben.

7298 Zuschauer. – SR Schnyder. – Tore: 2. Morgado 0:1. 16. Bamert (Eigentor) 1:1. 79. Adryan (Foulpenalty) 1:2. 89. Adryan 1:3.
Luzern: Zibung; Schwegler, Lucas, Cirkovic, (85. Schmid), Sidler; Voca (85. Schneuwly), Schulz, Vargas, Schürpf; Demhasaj (58. Custodio); Eleke.
Sion: Fickentscher; Ndoye, Neitzke, Bamert; Morgado (67. Fortune), Grgic (63. Uldrikis), Toma, Abdellaoui; Kasami, Lenjani; Djitté (46. Adryan).
Bemerkungen: Luzern ohne Grether (gesperrt), Kakabadse, Knezevic, Rodriguez, Ugrinic (alle verletzt), und Juric (intern suspendiert). Sion ohne Baltazar, Khasa, Carlitos, Mitrjuschkin, Raphael (alle verletzt), Maçeiras, Kouassi, Angha, Mveng und Philippe (alle nicht im Aufgebot). 19. Gelb-rote Karte gegen Vargas (Foul). Verwarnungen: 5. Vargas (Foul), 23. Schwegler (Foul), 30. Djitté (Foul), 45. Lenjani (Foul), 57. Schulz (Foul), 80. Adryan (Unsportlichkeit), 81. Zibung (Ballwegschlagen).

Das Interesse des FC Luzern an Donis Avdijaj (22) ist am Mittwoch bekannt geworden. Der kosovarische Nationalspieler spielt derzeit bei Willem II in der niederländischen Ehrendivision. In 15 Spielen hat der Linksaussen vier Tore erzielt und drei Assists gegeben. Allerdings ist der ehemalige deutsche U-Internationale seit dem 23. Dezember 2018 für den Verein nicht mehr zum Einsatz gekommen – aus disziplinarischen Gründen. Dabei war Avdijaj zuvor bei Schalke 04 in der Bundesliga als Juwel gehandelt worden. In neun Ligapartien schoss er in der Saison 2016/17 zwei Treffer. Bereits bei Schalke gab es Probleme mit dem Enfant terrible. Vorgeworfen wurden ihm ungenügende Vorbereitung auf die Spiele und schlechtes Benehmen. Auf den FCL würde also eine anspruchsvolle Betreuungsaufgabe warten. Ob Avdijaj wirklich kommt, steht in den Sternen. Interessenten an ihm gibt es in weiteren Ländern wie Russland und USA mit noch offenem Transferfenster. In der Schweiz schliesst dieses morgen um Mitternacht. Bis dann weiss man, ob FCL-Stürmer Tomi Juric zu Sion oder GC geht. (dw)