Geschlechtsneutrale Sprache: Wie ein Sternchen die Diskussion neu entfacht

Hannover versetzt unsere Nachbarn in helle Aufregung. Der Grund: Die norddeutsche Stadt hat ihren Beamten geschlechtsneutrale Sprache verordnet. Offizielle Briefe beginnen nun mit «Guten Tag» oder «Liebe Gäste». Angesprochen wird die Bevölkerung nicht mehr mit «Herr und Frau Schulz», sondern geschlechtsneutral mit «Anita und Konrad Schulz». Das Rednerpult verschwindet aus offiziellen Texten und wird durch die Wortschöpfung Redepult ersetzt.

Mit den neuen Schreibweisen soll die Diskriminierung von Menschen verhindert werden, die sich keinem oder nicht dem ihnen nach der Geburt zugeschrieben Geschlecht zugehörig fühlen. Neu verwenden Hannoveraner Beamte darum auch Schreibweisen wie «Kolleg*innen». Dieses Gender-Sternchen, das zwischen der männlichen Form und der weiblichen Endung des Wortes angebracht wird, soll möglichst alle Identitätsvarianten ansprechen. Das Sternchen stammt aus der Programmiersprache und steht dort für alle denkbaren Variationen.

Die neuen Sprachregeln führten in Deutschland zu einem medialen ­Aufschrei. «Gender-Gaga» titelte die «Bild»-Zeitung. Kommentatoren warnen vor einer Verschandelung der Sprache. Andere begrüssten die neuen Regeln als vorbildlich und empfehlen sie zur Nachahmung.

Geschlechtsneutrale Schreibweisen werden auch in der Schweiz erprobt. Am weitesten gehen dabei die Universitäten. Wenn Christa Binswanger an der Universität St. Gallen eine Vorlesung hält, spricht sie von «Student_innen». An der Stelle, wo im Text der Gender-Gap kommt, macht sie eine kurze Pause. Binswanger akzeptiert zudem nicht, wenn Arbeiten in der männlichen Form verfasst werden. Auch eine Fussnote mit der Erklärung, dass die Frauen selbstverständlich mitgemeint seien, reicht ihr nicht. «Da es zum Inhalt meiner Kurse gehört, für Ungleichheit und Ent­nennung zu sensibilisieren, gehört die sprachliche Umsetzung des Gelernten zum Lernziel», sagt die Leiterin des Fachbereichs Gender und Diversity.

Wegen dieser Haltung musste Binswanger Kritik einstecken. Die NZZ schrieb, sie vergebe «Gesinnungsnoten». Binswanger wehrt sich. In der Praxis habe sie wegen nicht gendergerechter Formulierungen noch nie Notenabzug geben müssen. «Studierende lernen in meinen Veranstaltungen, weshalb es sinnvoll ist, geschlechtergerechte Sprache zu verwenden. Wer nicht offen ist für das Thema, besucht meine Kurse vermutlich erst gar nicht», erklärt sie.

Während Binswanger mit der ­Verwendung des Gender-Gaps weiter geht, als die Uni St. Gallen in einem internen Leitfaden empfiehlt, regt die Universität Luzern den Gebrauch von geschlechtsneutralen Formen offiziell an. «Schreiben und sprechen Sie auch Menschen an, die sich weder als (ausschliesslich) weiblich noch (ausschliesslich) männlich identifizieren», empfiehlt der «Leitfaden zur Gleichbehandlung aller Geschlechter», der auch für die Fachhochschule und pädagogische Hochschule gilt. Erlaubt sind Formen wie «Professor_innen» oder «Pfarrer*innen». Der Unterstrich soll – wie das Sternchen – Menschen einschliessen, die sich nicht als Frau oder Mann identifizieren. Bei der Ansprache solle man zudem auf «Sehr geehrte Damen und Herren» verzichten und geschlechtsneutrale Begriffe wie «Publikum» ­verwenden. Fragebogen sollen bei der Geschlechtsangabe «mindestens drei Antwortoptionen» enthalten: eine zusätzliche für Menschen, die sich in einem Land, in dem das schon möglich ist, als drittes Geschlecht registriert haben, etwa Kanada (siehe Text rechts) oder Deutschland. Und allenfalls ein weiteres Feld mit der Bezeichnung «keine oder andere Geschlechtsidentität».

An der Universität Freiburg wird der Sprachleitfaden zurzeit überarbeitet. Der Gender-Gap kommt aber bereits im offiziellen Uni-Magazin und auch auf der Webseite zum Einsatz. Auch die Universitäten Bern und Zürich regen den Gebrauch von Gender-Stern und Gender-Gap an. Allerdings trifft man sie in den real existierenden Vorlesungen bisher kaum an. Der Zürcher Rechtsprofessor und SVP-Nationalrat Hans-Ueli Vogt gibt zu bedenken, dass in seinem Fach die Gesetzestexte und die Usanzen bei juristischen Texten massgebend seien. Solange die Gesetzestexte in der männlichen Form geschrieben seien, akzeptiere er entsprechende Formulierungen in Arbeiten. Grundsätzlich hält er den Gender-Stern für wenig praxistauglich. «Solche Sternchen oder auch das grosse I im Wortinnern verunstalten die Sprache, weil sie dazu führen, dass das geschriebene Wort der gesprochenen Sprache nicht mehr entspricht», sagt Vogt.

Während Schweizer Universitäten mit gendergerechter Sprache experimentieren, warten die Städte noch ab. Ein Hannover der Schweiz ist nicht auszumachen. Eine der wenigen Ausnahmen ist ein Flyer der Stadt Zürich, wo von «Arbeitgeber_in, trans*Personen» und «Interessierte_r» die Rede ist. Das Flugblatt, das über Transgender-Menschen informiert, ist aber die Ausnahme. Zürich ist zwar Mitglied in einem internationalen Netzwerk von Regenbogenstädten, die sich verpflichtet haben, gegen die Diskriminierung von Homo- und Transsexuellen vorzugehen. In der Verwaltungssprache hat sich dies aber noch kaum niedergeschlagen. Der aktuell gültige Sprachleitfaden stammt aus dem Jahr 1996 und stellt die explizite Nennung von Frauen in den Vordergrund. Zürich wird das Sprachreglement wohl in nächster Zeit aber überprüfen, stellt die Leiterin der Zürcher Fachstelle für Gleichstellung, Anja Derungs, in Aussicht.

Viele kantonale und kommunale Verwaltungen orientieren sich am «Leitfaden zum geschlechtergerechten Formulieren im Deutschen» des Bundes. Menschen ohne eindeutige oder mit veränderter Geschlechtsidentität kommen darin nicht vor. Die Bundeskanzlei hat nicht vor, den Leitfaden in nächster Zeit zu ändern, verfolgt aber laut einem Sprecher die Entwicklungen um Gender-Gap und Gender-Stern. Man schielt vor allem auf den deutschen Rechtschreiberat, ein Sprachgremium mit Experten aus Deutschland, der Schweiz und Österreich. Dieser hat zwar eine Arbeitsgruppe zum Thema eingesetzt, bisher aber noch nichts entschieden.

Nicht so lange warten will der Verein Transgender Network Switzerland. Er fordert, dass der Gender-Stern oder der Gender-Gap in den Sprachleitfaden des Bundes aufgenommen wird. «Geschlecht ist weder gesellschaftlich noch biologisch gesehen binär», sagt Janna Kraus vom Gender-Netzwerk. Eine Sprache zu verwenden, die nur zwei ­Geschlechter kenne, sei darum «weder korrekt noch hilfreich». Ob diese Forderung eine Chance hat, liegt zurzeit in den Händen des Bundesrats. Dieser lässt zurzeit die Konsequenzen einer Einführung des dritten Geschlechtes prüfen. Je nach Resultat könnte das heutzutage noch blasse Gender-Sternchen zum Fixstern werden.

Schon als Kind wusste Marni Panas, dass sie irgendwie anders ist. «Ich habe mich nie als Junge gefühlt, habe nirgendwo richtig reingepasst und habe lange mein wahres Ich versteckt.» Damals trug Panas noch den Vornamen Marcel und lebte in einem kleinen Dorf in den weiten Prärien Kanadas. Heute ist Panas eine schlanke Mittvierzigerin und wohnt in der Grossstadt Edmonton. Vor drei Jahren hat sie ihren männlichen Geburtsnamen abgelegt und lebt seitdem offiziell als Frau, mit jenem Geschlecht also, mit dem sie sich identifiziert. Vor ein paar Wochen hat sie das auch chirurgisch nachvollzogen. Für Panas war das Coming-out als Transgender ein steiniger Weg. Heute ist sie mit sich im Reinen und führt ein selbstbestimmtes Leben. Geholfen hat ihr die liberale Grundhaltung vieler Kanadier, denn beim Schutz von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgender-Menschen, Intersexuellen und Personen, die sich auf kein Geschlecht festlegen wollen, gehört das Land von Premierminister Justin Trudeau weltweit zu den Vorreitern. Trudeaus Kabinett besteht zur Hälfte aus Frauen, der Text der kanadischen Nationalhymne wurde unter ihm geschlechtsneutral verändert. Vor gut einem Jahr wurde auf seine Initiative hin ein Gesetz zum Schutz und zur Gleichberechtigung von Transgender-Personen beschlossen. Seitdem darf niemand mehr von der Regierung wegen seiner geschlechtlichen Identität oder seinem Geschlechtsausdruck benachteiligt werden. Hass gegenüber Transgender-Personen ist illegal, Verbrechen werden hart bestraft. Das Gesetz gilt für alle Bundesbehörden und für Unternehmen, die von der Bundesregierung reguliert werden. Konkret führt es dazu, dass immer mehr Einrichtungen geschlechterneutrale Toiletten einführen. Transgender-Beamte haben einen Anspruch auf einen diskriminierungsfreien Arbeitsplatz.

Das Gesetz strahlt auf Behörden aus: Kanadische Reisepässe erhalten neuerdings als Option das Geschlecht X. Auf der elektronischen Einreisegenehmigung für Kanada, die Besucher aus dem Ausland beantragen müssen, kann man neben «männlich» und «weiblich» auch «Sonstiges» ankreuzen. Bei der nächsten anstehenden Volkszählung im Jahr 2021 können Kanadier ein drittes Geschlecht wählen. «Kanada sendet ein Signal der Inklusion, in Zeiten, wo Donald Trump in den USA genau das Gegenteil verkörpert», meint Kristopher Wells, Gender-Experte der McEwan-Universität in Edmonton. Die Tatsache, dass sich Trudeau dem Thema widmet, sei wichtig. «Das entfaltet Ausstrahlungswirkung auf Unternehmen und Verbände, die von den Gesetzen bislang nicht erfasst werden.» Kritik gibt es vor allem in kirchlichen und konservativen Kreisen. Für Schlagzeilen sorgte ein Universitätsprofessor, der sich weigerte, seine Studenten mit genderneutralen Pronomen anzusprechen. Doch der Einfluss der Kritiker schwindet. Befürchtungen, es könne zu einer Art Kulturkampf kommen, haben sich bislang nicht bewahrheitet. Eineinhalb Jahre nach dem Inkrafttreten des neuen Gesetzes verzeichnen Beobachter keinen signifikanten Anstieg von Gerichtsprozessen. Nach einer Umfrage befürworten 8 von 10 Kanadiern die Gleichstellung von Transgender-Personen, 7 von 10 befürworten eine Gesellschaft mit fliessenden Geschlechterrollen, 6 von 10 sind für die neuen Reisepässe. (jmv)