Mit 50 Männern im Bunker – Nuran Koektas leitet die Notunterkunft für

Es ist nass und grau. Doch der Fotograf muss die Fotos von Nuran Koektas draussen vor der Unterkunft für abgewiesene Asylsuchende schiessen. Die Zentrumsleiterin darf niemand in die Notunterkunft (NUK) am Dorfrand Urdorfs lassen. «Das ist eine kantonale Weisung – und ich verstehe sie. Wir wollen die Menschen ja nicht ausstellen», sagt sie.

Die 43-Jährige ist ganz in Schwarz gekleidet, hat die Haare geglättet und ist dezent geschminkt. Sie wirkt jung, und obwohl sie auf Knopfdruck ein strahlendes Lächeln aufs Gesicht zaubert, lässt sie sich nicht gerne fotografieren. Während ihrer Rauchpause vor dem grünlich angelaufenen Beton des Bunkers laufen immer wieder jüngere Männer vorbei.

Es sind abgewiesene Asylsuchende, die die Schweiz aus diversen Gründen noch nicht verlassen haben. Nun leben sie in der Notunterkunft. «Bonjour», «Hallo», sagt Koektas abwechselnd und schaut die Vorbeigehenden kurz an.

«Gehen wir für das Gespräch ins Restaurant in der Kaserne Reppischtal», schlägt Koektas vor. Das sei einer der Rückzugsorte für die Betreuer, wenn sie Zeit für eine längere Pause haben.

Auf der Autofahrt ins Nachbardorf erzählt Koektas, dass der Bunker, in dem zurzeit 50 abgewiesene Asylbewerber aus rund 18 Staaten untergebracht sind, dem Militär gehört und deshalb auch von ihm gewartet wird.

Nach einer kurzen Fahrt erreicht Koektas die Kaserne. Schnörkellose Betonromantik strahlt dem Restaurantbesucher im Innern entgegen. Koektas bestellt sich einen Kaffee ohne Zucker, schlägt die Beine übereinander und kommt schnell zur Sache.

Von Buchhaltung zum Asylwesen

Nuran Koektas begann nach der Matura ein Psychologiestudium. Dieses brach sie ab, da sie das Gefühl hatte, die Menschen würden zu sehr in Kategorien eingeteilt. Stattdessen startete sie ihr Berufsleben als Buchhalterin. «Doch ich war nicht erfüllt und suchte immer wieder eine Möglichkeit, um im sozialen Bereich zu arbeiten», sagt Koektas. Lange habe sich nichts ergeben, doch dann kam die Flüchtlingskrise im Jahr 2015.

Damals bekam Koektas eine Stelle als Betreuerin bei ORS Service AG, einem privatwirtschaftlich organisierten Unternehmen, das Asylsuchende und Flüchtlinge in der Schweiz, Österreich, Deutschland und Italien begleitet. Im Auftrag des Kantons betreibt die ORS auch die NUK Urdorf. Koektas stieg schnell auf, wurde stellvertretende Leiterin und schliesslich Leiterin des Durchgangszentrums Baden in Baden-Dättwil.

Als dieses 2017 geschlossen wurde, kam sie nach Urdorf. Mittlerweile ist ORS für einen Grossteil der deutschschweizerischen Asylunterkünfte verantwortlich. Das Unternehmen erhält den Leistungsauftrag von Bund, Kanton oder der Gemeinde.

Die Aufgabe der ORS-Mitarbeiter in der Notunterkunft ist nicht, die Bewohner zu beschäftigen oder zu integrieren, sondern sie zu begleiten. «Wir müssen die Unterkunft und den Alltag der Bewohner managen», sagt sie.

Dieser sei unberechenbar, da sich die Abgewiesenen in einer schwierigen Lebensphase befinden und sich die vielen Männer einen Raum ohne Privatsphäre teilen müssen. Für persönliche Kontakte haben die Betreuer während ihrer Betreuungsaufgaben draussen beim Rauchen oder auch mal bei einer Partie Billard Zeit.

Durchgehalten, nicht durchgesetzt

Wie sie sich dort mit 50 Männern durchgesetzt habe, lautet eine Frage. Koektas überlegt und korrigiert: «Nicht durchgesetzt, durchgehalten». Sie habe anfangs ein wenig Mühe gehabt. «Doch ich weiss nicht, ob das wegen mir als Frau war oder einfach, weil der Anfang schwierig ist.» Heute sei es auf alle Fälle kein Nachteil mehr. «Im Gegenteil, mittlerweile denke ich, dass ich als Frau mit mehr Nachsicht behandelt werden.» Alle Bewohner haben Mütter oder auch Schwestern.

In den ersten Monaten brauchte es Zeit, bis sich die Bewohner an die neue Leiterin gewöhnten. Das gegenseitige Kennenlernen und Vertrauen schenken dauerte eine Weile. Anfangs gab es auch öfters Auseinandersetzungen, bei denen die Polizei gerufen werden musste. «Mir und meinem Team ist es sehr wichtig, dass sich Menschen ohne Vorurteile und Wertung begegnen können».

Mittlerweile wuchsen der Respekt und die Toleranz, sodass die Besuche der Polizei sich nun weitgehend auf ihre täglichen Routinekontrollen beschränken. Die Frage: «Alles gut?», wird dabei meist mit «Alles gut! Danke und bis bald!», beantwortet.

Trotz Koektas gewinnendem Lächeln hat sie eine klare Linie. Bevor sie die Frage beantwortet, was ihre wichtigste Regel sei, überlegt sie und antwortet dann: «Es geht als Erstes darum, den Auftrag des Kantons zu erfüllen.» Sie könne nicht beeinflussen, wer hierhinkomme und wie lange der Aufenthalt in der unterirdischen Unterkunft dauern werde. «Ich möchte vor allem, dass es fair zu- und hergeht in unserer Unterkunft und dass Vertrauen besteht», sagt sie.

Sie selbst hat eine neutrale Position inne. Das heisst, sie kann den Bewohnern in ihrem Asylprozess weder schaden, noch ihnen auf ihrem weiteren Weg helfen. Dabei ist sie auch schon mal direkt und erklärt den Bewohnern, dass sie hier eben aus politischer Sicht unerwünscht sind. Daher seien die vielen Beschränkungen und Regeln notwendig.

Da sich die Männer in einer schwierigen Lebensphase befinden, lässt Koektas den Frust der Bewohner öfters über sich ergehen. «Doch wenn ich die Laune des Bewohners bereits zig Mal über mich ergehen lassen musste, setze ich auch wieder Grenzen – und zwar deutlich.» Dann merken die Bewohner auch wieder, dass sie ihnen viel Raum gegeben hat.

Nebst der Harmonie ist eines ihrer wichtigsten Ziele die konsequente Zusammenarbeit und die transparente Kommunikation aller Beteiligten. Wie sie das erreichen will? «Einerseits dadurch, dass wir als Betreuer das vorleben, andererseits damit, dass wir auch erklären, warum wir Hausregeln für das Zusammenleben brauchen.»

«Die Situation ist tragbar»

Natürlich kennt Koektas auch die Kritik, die der Unterkunft entgegenweht. Die «WOZ» bezeichnete sie als «Abschreckungsbunker». Das Bündnis «Wo Unrecht zu Recht wird …» setzt sich gegen die «Unmenschlichen Verhältnisse im Bunker» ein. Die Unterkunft sei kein Ort, den man sich zum Wohnen auswähle, sagt Koektas.

Die Sechzehnbett-Zimmer ohne Handyempfang und ohne Tageslicht sind keine idealen Wohnorte, das ist sich Koektas bewusst. «Aber die Situation ist tragbar», sagt sie. Zudem könne sie an der Situation nichts ändern, deshalb versuchen sie als Team und mit den Bewohnern gemeinsam, das Bestmögliche aus dem Bunkerleben zu machen.

Koektas Eltern stammen aus der Türkei, doch sie redet mit breitem Aargauerdialekt und ist in der Schweiz geboren und aufgewachsen. Politisch ist sie weder aktiv noch interessiert. Die Gegenwart und ihr Umfeld, das ist das Einzige, was ihr wichtig ist.

Ob sie das Schicksal der abgewiesenen Männer, die aus verschiedensten Gründen in der Schweiz hängengeblieben sind und mit rund acht Franken täglich auskommen müssen, bewegt? «Natürlich! Doch ich muss dabei Arbeit und Privates strikt trennen», sagt sie. Das gelinge ihr auch. Überdies könne sie sich in schwierigeren Phasen mit anderen Leiterkollegen austauschen.

Die Kaffeetassen sind längst leer und Koektas fährt von der Kaserne im Reppischtal zurück zur Notunterkunft im Bunker. Dort beginnt schon bald die nächste Schicht. Sie selbst fährt dann nach Hause und erholt sich von ihrem unberechenbaren, aber erfüllenden Alltag. Ein Hobby brauche sie dazu nicht.