«Es ist ein Wunder, dass Ambri noch existiert»

In Ambri geschehen Wunder. Sportchef Paolo Duca (37) über Trainer Cereda, die neue Valascia, die Schweizer Trainergilde und sein Gewicht.

BLICK: Herr Duca, ein gemeinsamer 
Bekannter möchte wissen, weshalb Sie so an Gewicht zugelegt haben. Wie viel haben Sie 
übrigens draufgepackt?
Paolo Duca:
Sie können Edgar 
Salis (Ex-Sportchef und jetzt Talentspäher bei den ZSC Lions, die Red.) ausrichten, dass er bezüglich 
Gewicht immer mein absolutes Vorbild ist. Ich habe allerdings erst zehn Kilo mehr auf der Waage, da muss ich also noch zulegen.

Sie wurden vom Teamkollegen zum Vorgesetzten – innerhalb kürzester Frist. Fehlte da nicht die Distanz zu den Spielern?
Ich bin vier Tage nach dem letzten Spiel (Liga-Quali in Langenthal, die Red.) erstmals im Sportbüro gesessen. Klar, das war auch ein Risiko, weil ich das Ende meiner Karriere gar nicht richtig verarbeitet hatte.

Hatten Sie keine Bedenken?
Ich hatte schon als Spieler eine 
klare Meinung und habe die auch stets vertreten. Musste etwas gesagt werden, habe ich es gesagt. Will man eine respektvolle Beziehung wahren, sollte man so früh und so deutlich wie möglich kommunizieren, auch wenn das ab und zu 
unangenehm werden kann.

Ein Sportdirektor braucht vor 
allem ein Netzwerk. Innerhalb von vier Tagen lässt sich das kaum spinnen. Oder haben Sie bereits früher damit begonnen?
Nein. Diese Position war ja nicht mein Traumberuf, ich habe einige Zeit in mein Studium investiert (Wirtschaft und Management, die Red.) und wollte eigentlich in die Privatwirtschaft. Eishockey ist allerdings meine Leidenschaft, weshalb also sollte ich diesem Sport den 
Rücken zuwenden? Als dann die Anfrage des Klubs kam – in einer schwierigen Lage notabene –, habe ich zugesagt. Um ein Netzwerk muss man sich vor allem bemühen, das steckt viel Arbeit dahinter. 
Allerdings hat mich Edgar Salis zu Beginn sehr unterstützt, wie übrigens auch andere Sportmanager, aber Salis war quasi mein Mentor.

Hatten Sie die Strategie, auf den eigenen Nachwuchs zu bauen, damals schon im Kopf?
Ja, allerdings war das nicht meine Idee, sondern vielmehr die Überzeugung des Klubs. Etwas Neues ist das ja nicht, andere Vereine verfolgen diesen Weg längst. Für mich war es aber klar, dass Ambri wieder ein Ausbildungsklub werden muss. Funktionieren kann dies allerdings nur, wenn alle im Klub und im 
Umfeld am gleichen Strick ziehen. Mittel- bis langfristig können wir in dieser Liga nur so überleben.

Das bedeutet aber auch, dass 
gewisse Abstriche gemacht werden müssen? Die Gefahr ist, dass Ihre besten Spieler immer wieder 
abgeworben werden.
Das ist keine Gefahr, das ist eine Tatsache. Und die Kehrseite der Medaille. Momentan verfügen wir über gute eigene oder junge Spieler, die sich sehr schnell entwickelt haben. Diese Spieler wecken natürlich das Interesse der Konkurrenz und weil wir finanziell nicht 
mithalten können, werden wir sie irgendwann verlieren. Dann beginnt das Spiel von vorne.

Eine Sisyphusarbeit. Andere 
Manager haben es viel leichter als Sie, die öffnen einfach die Kasse.
Da bin ich nicht einverstanden, meine Aufgabe ist nicht schwieriger, aber sie kann härter sein. Hart deshalb, weil es schmerzt, wenn man einen Spieler verliert, den man über ein paar Jahre aufgebaut hat. Aber da müssen wir aus der Not eine Tugend machen, das ist die Herausforderung. Bringen wir einmal ein paar Spieler gross raus? Zweimal? Oder immer wieder über eine lange Zeitspanne?

Die Fragen stelle immer noch ich. Werden die Fans da mitziehen? Es kann ja zwischendurch auch mal wieder harzig werden.
Ich glaube, unsere Fans wissen ganz genau, dass wir nur eine Strategie verfolgen können. Momentan müssen wir zwar noch bescheiden bleiben, aber man darf sich auch ausgelassen freuen, wenn es zwischendurch gut läuft.

Seit Sie Ihre Strategie mit Luca Cereda durchziehen, geht es 
aufwärts.
Es ist nicht meine Strategie und 
es ist nicht die Strategie von Luca Cereda. Es ist die Strategie des Klubs, die richtige Philosophie für Ambri. Eine Strategie muss – unabhängig von Personen – die richtige sein. Wer morgen Sportchef in 
Ambri ist, ist eigentlich egal, weil die Strategie die richtige ist. So 
sollte es sein.

Wo liegt die Messlatte? Wann wird die Strategie gut umgesetzt? Wenn man in der Tabelle vor Lugano liegt?
Nein, nein. Für unsere Fans ist das vielleicht wichtig, weil Lugano 
unser Rivale ist. Aber das ist eine Momentaufnahme, grundsätzlich verfolgt Lugano andere Ziele als wir.

Aber man darf sagen, dass Ambri erfolgreich ist, wenn Ambri in der Tabelle vor Lugano liegt. Weil Lugano andere Ansprüche hat.
Na gut, in der Momentaufnahme mag das vielleicht stimmen. Als Tessiner träume ich aber von 
Tessiner Finals (wie 1999, die Red.), weil dann Emotionen aufkommen, die unbeschreiblich und unbezahlbar sind.

Beschreiben Sie diese Emotionen für uns.
Ein Tessiner Derby beginnt nicht am Spieltag und es endet nicht am Spieltag. Es beginnt eine Woche früher, und die Sache ist erst ein paar Tage danach wirklich erledigt. Da wachsen und gedeihen Erwartungen, Freude und Enttäuschungen wollen genossen und verarbeitet werden.

Dann sind zwei Tessiner Derbys innerhalb von zwei Tagen wie 
zuletzt eigentlich ein fürchterlicher Blödsinn …
Es ist schade, weil das Tessiner Derby tatsächlich noch eine besondere Sache ist. Und was zu oft geschieht, kann nicht mehr besonders sein.

Das Derby verkauft sich über 
den Klassenkampf. Stimmt das noch?
Schauen Sie unseren Klub an: 
Eigentlich ist es ein Wunder, dass Ambri in dieser Form noch existiert. Ein kleines Dorf, kleine Leute, eine vielleicht etwas in Vergessenheit geratene Region, befeuert durch die Vorstellungen eines 
romantischen Klassenkampfs von Klein gegen Gross, Arm gegen Reich, was immer sie wollen. Klar stimmt diese Vorstellung.

Dazu passt die Strategie mit dem Nachwuchs.
Exakt. Unsere Anhänger sehen junge, ehrgeizige Spieler, viele Tessiner, die sich auf dem Eis mit Leidenschaft ins Zeug legen, um sich durchzusetzen. Das Gleiche wird in jedem anderen Klub auch erwartet. In Ambri ist das aber noch etwas ausgeprägter, unsere jungen Tessiner haben vielleicht eine andere Mentalität als ihre Altersgenossen.

Sie haben mit Luca Cereda einen grossartigen Trainer.
Er ist sensationell gut. Er ist … Das ist es, was ich zuvor angesprochen habe. Die Strategie ist das Wichtigste, dann brauchst du die richtigen Leute am richtigen Ort, die diese Strategie umsetzen. Willst du ein Ausbildungsklub sein, brauchst du einen Ausbildner. Einer, der fähig ist, aus wenig viel zu machen. Cereda hat zehn Jahre im Nachwuchs gearbeitet und war nicht nur Trainer, er hat sich um vieles gekümmert. In Ambri gibt es nicht alles, da müssen alle etwas mehr leisten.

Nun wissen wir, was er kann. Als Sie ihn vorgeschlagen haben, war das noch anders. Hatten Sie keine Mühe, ihn durchzusetzen?
Sie müssen sich die Situation mal vorstellen: Der Klub holt einen Sportchef, frisch vom Eis. Und dann soll noch ein Trainer kommen, der keine Erfahrung auf höchstem Niveau hat? Ein Juniorentrainer? Das war ein Wagnis, ja, eine gewisse Skepsis war spürbar. Schlussendlich hat Filippo Lombardi den Ausschlag gegeben, weil er sagte: «Das macht Sinn, machen wir.»

Sprechen Sie weiter …
Cereda ist nicht Trainer, weil wir uns gut mögen. Das ist kein Tessiner Marketingtrick oder ein Freundschaftsdienst. Er ist der beste Mann für diesen Job. Er war bei erfahrenen Trainern, hat geschaut, was er sich abgucken kann und was nicht, hat sich weitergebildet und entwickelt. Cereda war als Spieler schon ein grosses Talent (ein First-Round-Draftpick der Toronto Maple Leafs 1999, die Red.), als Trainer ist er noch besser. Er hat Gespür für den Menschen, er hat Sinn für die Situation, er hat den Instinkt, um die richtigen Knöpfe zu drücken.

Sie haben nun Ihren Trainer so angepriesen, dass ihn jeder Klub haben möchte. Er hat ja nur einen normalen Arbeitsvertrag, der auf drei Monate kündbar ist.
Das ist so. Bisher war die Vertragssituation auch richtig für alle, mit der Perspektive einer modernen Arena wird sich das ändern. Das ist ein Zeichen, ein Signal, nach vorne zu schauen. Cereda? Ich kann nicht die Hand dafür ins Feuer legen, aber ich glaube, er bleibt bei uns.

Warum haben die Schweizer Klubs so grosse Angst davor, Schweizer Trainern eine Chance zu geben?
Das werde ich nie verstehen. Wir haben aber im Schweizer Eishockey offenbar einen Minderwertigkeitskomplex, den wir in anderen Sportarten nicht haben. Offenbar glauben viele immer noch, dass Finnen, Nordamerikaner, Schweden oder Tschechen grundsätzlich mehr drauf haben.

Weshalb?
Vielleicht fehlt der Mut. Aber nicht nur bei den Klubs, teilweise auch bei den Trainern selbst. Dieser Beruf beinhaltet Risiken: Wer keinen Erfolg hat, wird entlassen. Wir verfügen über sehr gute Trainer, nur geben wir ihnen keine Chance auf höchstem Niveau. In den grossen Hockeynationen sind aber ausnahmslos Einheimische am Werk.

Zurück zu Cereda und den Perspektiven. Sie haben gesagt, es wird eine neue Arena gebaut. Es gibt Leute, die behaupten, ausser dem Spatenstich wird sich da nicht mehr viel tun …
(Lacht laut.) Sind wir in Ambri nicht genau dafür zuständig? Wir machen möglich, was unmöglich erscheint. Die Halle wird gebaut, da bin ich absolut sicher.

Wir werden sehen. Aber wie wollen Sie den Charme der Valascia auf den Flugplatz transportieren? Ambri mit einer Eishalle, die auch in Lausanne, Zug oder Zürich stehen könnte? Ein Graus.
Das ist wohl die grösste Herausforderung. Wir überlegen gerade fieberhaft, wie sich etwas Valascia-Charakter in die neue Arena bringen lässt. Wir können ja nicht die alte Buvette oder die Holztribüne einfach aus- und wieder einbauen. Vielleicht werden es mehrere kleine Details sein, die im Gesamtbild an die Valascia erinnern werden.

Viel Wind und wenig Toiletten?
(Lacht.) Das funktioniert nur in der Valascia, weil es eben echt und einzigartig ist. Heute gibt es Vorschriften für alles, auch für die Anzahl Toiletten. Was wir aber haben werden: mehr Stehplätze als Sitzplätze. Das gibt es sonst nirgends.

Zukunftsmusik. Nach der Saison werden Sie den Topskorer Kubalik verlieren.
Das ist höchstwahrscheinlich so.

Den Österreicher Zwerger auch?
Der hat noch einen Vertrag bei uns.

Die Perspektiven auf dem Transfermarkt sind aber besser als auch schon.
Ja. Wir haben die rote Laterne abgeben können.

An wen? An den HC Davos?
Das glaube ich nicht, nein. Der HCD war zudem ein grosses Vorbild für uns. Der Weg, den Davos in den letzten 20 Jahren gegangen ist, ist eine Blaupause für Ausbildungsklubs. Del Curto hat eine Vielzahl von Spielern gross rausgebracht, teilweise aus dem Nichts. Der Unterschied? Davos hatte einen harten Kern an hervorragenden Leistungsträgern, der stets zusammenblieb, ein wichtiges Detail. Das müssen wir erstmal fertigbringen.

Abschliessende Frage: Was wird eher passieren – Ambri in den Playoffs oder Sie als Sieger der «Coppa Micheli», des hervorragend besetzten Golfturniers unter Freunden im Piemont?
(Lacht.) Dann kommt Ambri in die Playoffs. Die Coppa Micheli gewinnt ja immer der Gleiche (Ex-Torhüter Matthias Schoder, die Red.).