Wartelisten bei der Sterbehilfe

Die grösste Schweizer Sterbehilfeorganisation Exit hat zu wenig Freitodbegleiter und kann nicht alle Neumitglieder betreuen.

Exit ist personell am Anschlag. Wer sich bei der Sterbehilfeorganisation anmeldet, um eine mögliche Freitodbegleitung abzuklären, wird seit Anfang Dezember auf eine Warteliste gesetzt. Neumitglieder können zurzeit also keine Sterbehilfe in Anspruch nehmen. Die Massnahme gilt für unbestimmte Zeit. Man sehe sich zu diesem Schritt veranlasst, «da derzeit die personellen Kapazitäten bei den Freitodbegleiterinnen und Freitodbegleitern sehr knapp sind», heisst es bei Exit.

Wie viele Personen auf der Warteliste sind, will die grösste Schweizer Sterbehilfeorganisation nicht bekannt geben. Sprecher Jürg Wiler sagt: «Es sind sehr wenige Patienten in einer Notsituation betroffen, deren Angehörige an uns gelangen. Derzeit machen wir sie zusammen mit den behandelnden Ärzten – noch ausdrücklicher als sonst – auf Alternativen wie die Palliativbehandlung aufmerksam.»

Exit ist Opfer des eigenen Erfolges geworden. Zwischen 2010 und heute ist die Mitgliederzahl der Organisation von 52’000 auf über 120’000 Personen angewachsen. Die Tendenz ist weiter steigend. Exit selber wirbt grossflächig um neue Mitglieder. Im Herbst etwa mit ganzseitigen Inseraten in mehreren Schweizer Zeitungen. Auch produzierte die Sterbehilfeorganisation Fernsehspots mit Prominenten wie Peach Weber, Rolf Knie oder der Basler SP-Ständerätin Anita Fetz.

Exit will Öffentlichkeitsarbeit nicht aufgeben

An dieser aktiven Öffentlichkeitsarbeit will Exit festhalten – obwohl die Werbekampagnen teilweise auf harsche Kritik stossen. Die Bischofskonferenz äusserte sich sehr kritisch zur gross angelegten Kampagne und sprach davon, dass «Exit vor allem ein Geschäftsmodell ist, das den assistierten Suizid als Business betreibt und diesen offensiv bewirbt». Und das Schweizer Fernsehen weigerte sich, die Exit-Werbefilme auszustrahlen. Die Freitodbegleitung sei «nicht nur politisch, sondern auch gesellschaftlich stark umstritten», so die Begründung.

Auch angesichts der aktuellen Kapazitätsprobleme stellt sich die Frage, ob es Sinn macht, dass Exit so aktiv um neue Mitglieder wirbt. «Die Kritik an den Exit-Öffentlichkeitskampagnen greift zu kurz. Es gibt nach wie vor zahlreiche Akteure in der Schweiz, welche die Selbstbestimmung am Lebensende grundsätzlich ablehnen. Das wollen wir ändern», sagt Jürg Wiler. Für ihn könne die Organisation problemlos noch weiter wachsen. «Je mehr Mitglieder Exit beitreten, desto grösser ist die Durchschlagskraft der Organisation für ihre Anliegen. Entsprechend gibt es für uns keine Obergrenze», sagt er.

Bei Exit rechnet man auch zukünftig mit einem Mitgliederwachstum. Die Sterbehilfeorganisation beruft sich auf eine Umfrage des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums. Gemäss dieser äusserten 8,5 Prozent der Befragten ab 55 die Absicht, in Zukunft einer Sterbehilfeorganisation beizutreten. Exit leitet daraus eine mögliche Mitgliederzahl von 250 000 in ein paar Jahren ab. Also mehr als doppelt so viele wie heute.

Freitodbegleiter sind oft abwesend

Obwohl Freitodbegleiter eine sehr sensible Aufgabe ausführen, ist in der Schweiz nicht gesetzlich geregelt, wer diese Tätigkeit ausüben darf. Festgehalten ist einzig, dass die Beihilfe zum Suizid nicht aus selbstsüchtigen Motiven oder aus Geldgier erfolgen darf.

Aktuell arbeiten 40 Freitodbegleiter ehrenamtlich für Exit. Viele hätten die Elternphase bereits hinter sich oder seien im Pensionsalter und würden deshalb oft in der Nebensaison in die Ferien gehen, sagt Wiler. «Das führt jetzt zu einem Kapazitätsengpass, zumal unsere Administration und der Verein insgesamt durch kurzfristige Gesuche von Nichtmitgliedern besonders stark belastet werden.» Ebenso seien zurzeit überdurchschnittlich viele Freitodbegleiter aufgrund des Wetters krank. Um zukünftig Engpässe zu verhindern, bildet Exit aktuell mehrere Interessenten aus. Allerdings beenden diese ihre Schulung erst ab Anfang des nächsten Jahres.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 08.12.2018, 22:21 Uhr