Triumph und Tragödie

Chemie-Nobelpreisträger Fritz Haber : Triumph und Tragödie

Fritz Habers Chemie hat den Menschen gedient und geschadet. Vor 150 Jahren wurde er geboren.

„Im Frieden der Menschheit, im Kriege dem Vaterland“ war das Credo des Nobelpreisträgers Fritz Haber.

„Im Frieden der Menschheit, im Kriege dem Vaterland“ war das Credo des Nobelpreisträgers Fritz Haber.Foto: Archiv der Max-Planck-Gesellschaft

Der Name Fritz Haber steht heute exemplarisch für den Triumph und das Versagen der Wissenschaft im zwanzigsten Jahrhundert. Das von ihm und Carl Bosch entwickelte großtechnische Verfahren zur Synthese von Ammoniak aus Stickstoff und Luft eröffnete den Weg zur praktisch unbegrenzten Produktion von Kunstdüngern. Es sichert bis heute die Ernährung der ständig wachsenden Erdbevölkerung. Das Haber-Bosch-Verfahren steht aber nicht nur für „Brot aus Luft“, es ist auch ein Verfahren, das die massenhafte Produktion von Explosivstoffen und die europäische Katastrophe des Ersten Weltkriegs mit seinen Millionen Kriegstoten ermöglichte.

Seinem Motto folgend „Im Frieden der Menschheit, im Krieg dem Vaterland“ stellte Haber sein Kaiser-Wilhelm-Institut in Berlin-Dahlem während des Ersten Weltkriegs vorbehaltlos in den Dienst der deutschen Kriegsführung. Stand zunächst die Entwicklung neuer und effektiverer Sprengstoffe im Mittelpunkt, wurde es schon bald zum Forschungszentrum für die Entwicklung von Giftgasen. Haber hoffte, damit den Stellungskrieg und den Krieg überhaupt schnell zu beenden. Der von Haber maßgeblich organisierte erste deutsche Gasangriff am 22. April 1915 vor Ypern brachte jedoch nicht den erhofften Erfolg. Zwar führte es zum grausamen Erstickungstod Tausender Soldaten. Doch bei allen kriegführenden Parteien begann daraufhin ein Aufrüstungswettstreit um die erste Massenvernichtungswaffe der Menschheit.

Tausende Soldaten erstickten qualvoll

Für Haber war der Erste Weltkrieg doppelt bitter. Er wurde nicht nur als „Kriegsverbrecher“ gebannt, sondern verlor auch seine Frau Clara, geborene Immerwahr. Als erste Frau hatte sie an der Breslauer Universität promoviert, konnte ihre wissenschaftliche Karriere aber als Habers Gattin nicht fortsetzen. Wenige Tage nach dem Gasangriff in Ypern erschoss sie sich – zerbrochen am Egoismus ihres Mannes, aber auch an den Grausamkeiten des Krieges, die ihr Mann mit zu verantworten hatte.

Wie Wissenschaft das Leben bewahren und verbessern, aber ebenso auch zerstören kann – dafür steht das Leben Fritz Habers, der vor 150 Jahren am 9. Dezember 1868 in Breslau geboren wurde, wie kaum eines anderen Forschers. Seine herausragende wissenschaftliche Karriere begann mit einem Chemie-Studium in Heidelberg und Berlin, das der Sohn einer wohlhabenden jüdischen Familie gegen den Wunsch seines Vaters begonnen hatte. 1891 wurde er an der Berliner Universität promoviert – mit eher durchschnittlichen Prüfungsnoten. Erst als er 1894 an die Technische Hochschule Karlsruhe wechselte, entfaltete sich sein chemisches Talent. Als Autodidakt erschloss er sich das noch junge Gebiet der physikalischen Chemie und profilierte sich mit Untersuchungen zur Thermodynamik chemisch-technischer Gasreaktionen sowie zur Gasanalyse zu einem führenden Vertreter der noch jungen Fachdisziplin. In Karlsruhe, wo er die „besten Arbeitsjahre“ seines Lebens verbracht habe, schuf er die wissenschaftlichen Grundlagen des Haber-Bosch-Verfahrens, wofür ihm 1919 nachträglich der Chemie-Nobelpreis für das Jahr 1918 verliehen wurde.


Aus Meerwasser wollte Haber Gold machen

Nach Berlin wechselte Haber 1911. Sein wissenschaftliches Renommee hatte ihn zur Übernahme der Leitung des neu gegründeten Kaiser-Wilhelm-Instituts für physikalische Chemie und Elektrochemie in Dahlem qualifiziert. Insbesondere in den Jahren nach dem ersten Weltkrieg machte Haber das Institut zu einem international anerkannten Zentrum von Forschungen im Grenzgebiet von Physik und Chemie.

Haber selbst beschäftigte sich vor allem mit Fragen der Reaktionskinetik sowie mit dem Problem, mittels elektrochemischer Verfahren Gold aus Meerwasser zu gewinnen: Er wollte die auf Deutschland lastenden Reparationszahlungen aufbringen. Doch erwies sich der Goldgehalt der Weltmeere als zu gering. Allerdings gab es einen wissenschaftlichen Mehrwert: die in diesem Zusammenhang entwickelten hoch empfindlichen Analyseverfahren.

Darüber hinaus profilierte sich Haber in den zwanziger Jahren zu einem der maßgebenden Vertreter der 1910 gegründeten Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, der heutigen Max-Planck-Gesellschaft. Er war eine der Schlüsselfiguren beim Wiederaufbau der deutschen Wissenschaft nach den Zerstörungen und Verwerfungen des Ersten Weltkriegs. So ist er Mitbegründer der „Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft“, die durch die Organisation von Spenden die durch Krieg und Inflation in Not geratene deutsche Wissenschaft fördern sollte. Nachfolger der Notgemeinschaft ist die Deutsche Forschungsgemeinschaft, heute die wichtigste deutsche Forschungsförderungseinrichtung.

Der Nobelpreisträger war ein Republikaner

Große Verdienste erwarb sich Haber auch bei der Wiederaufnahme der internationalen Wissenschaftsbeziehungen, die durch den alliierten Wissenschaftsboykott unterbrochen waren. Im Gegensatz zur Mehrzahl seiner Kollegen, die man aus heutiger Sicht bestenfalls als „Vernunftrepublikaner“ bezeichnen kann, war Haber ein loyaler und bekennender Anhänger der Weimarer Republik.

Weder Habers wissenschaftlichen Leistungen, noch sein patriotisches Verhalten im Ersten Weltkrieg und sein Engagement für die Stabilisierung der deutschen Wissenschaft in der Nachkriegszeit konnten ihn aber davor bewahren, dass das Land, mit dem er sich zutiefst verbunden fühlte, ihn schließlich verstieß und ins Exil zwang. Nachdem die Nationalsozialisten 1933 die Macht in Deutschland übernommen hatten, exerzierten sie am Haberschen Institut ein Exempel ihrer antisemitischen Vertreibungspolitik. Sie demontierten das Institut und zerstörten damit Habers Lebenswerk. Haber selbst war als Frontkämpfer des Ersten Weltkriegs zwar noch geschützt, bat aber aus Selbstachtung um Versetzung in den Ruhestand. Im Sommer 1933 verließ der Nobelpreisträger Deutschland – „begleitet“ vom Schweigen und dem eilfertigen Opportunismus seiner Fachkollegen und Mitbürger.

Krank und innerlich gebrochen irrte Haber in seinen letzten Monaten ruhelos durch Europa. In Basel, auf dem Weg nach Palästina, wohin ihn die Hebräische Universität Jerusalem eingeladen hatte, starb er am 29. Januar 1934 an Herzversagen.

Der Autor ist (emer.) Wissenschaftshistoriker des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte in Berlin-Dahlem. Das Fritz-Haber-Institut veranstaltet am Montag, den 10. Dezember 2018 von 14 bis 18 Uhr im Harnack-Haus in Berlin-Dahlem, Ihnestr. 16-20, ein Symposium zu Leben und Werk von Fritz Haber.


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