Sie will Grosses leisten

Für Janet Hering, Direktorin des Wasserforschungsinstituts Eawag, sind Forschungserfolge ein kleiner Schritt. Im Zentrum müsse die Frage stehen, wie man damit die Welt verändern kann.

Wer das klischierte Bild vom Amerikaner im Kopf hat, der den grossen Auftritt liebt, sucht bei Janet Hering vergebens danach. Die Direktorin der Eawag, des Wasserforschungsinstituts des ETH-Bereichs in Dübendorf, schmunzelt und kontert das simple Vorurteil. «Ich bin aus New York City, das ist eine grosse Stadt, da gibt es viele verschiedene Menschen.» Sie sei schon etwas introvertiert, aber letztlich zähle nicht sie, sondern die Forschergemeinschaft.

Und schon sind wir beim Thema, das Janet Hering am Herzen liegt. Die Zurückhaltung ist verflogen. Grosses entstehe nie durch das Genie eines Einzelnen, sagt sie. Das sei ein Mythos. Das Ziel steht für sie an erster Stelle – und dafür brauche es die Zusammenarbeit. «Wenn alles Alphatiere sind in einer Gruppe, erreicht man nichts», sagt die 60-Jährige.

Erfolgreiche Forschung, so erzählt sie weiter, finde in einem Umfeld statt, wo Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Risiken eingehen dürften, Fehler gestattet seien, wo die Forschenden zusammenspannen, um das Beste zu erreichen. «Die Geschichte des Instituts zeigt, dass das der einzige Weg ist.»

Hartnäckig und erfolgreich

Hering nennt als Beispiel die Behandlung des Abwassers. Seit den frühen 90er-Jahren beschäftigt sich die Eawag damit und hat dabei auch die globale Situation im Blick. In der Landwirtschaft befürchteten die Fachleute einen Mangel an Phosphordünger. Gleichzeitig fehlte es in den wachsenden Megastädten an sanitären Anlagen und sauberem Wasser. Unbehandeltes Abwasser floss in die Flüsse und Seen und brachte grössere Mengen an Phosphor und Stickstoff in die Gewässer, was zu Algenblüten und giftigen Ammoniumkonzentrationen führte. «Das ist heute noch ein grosses Problem», sagt Janet Hering. Schlimm sind aber auch die Folgen der ungenügenden sanitären Versorgung in den armen Ländern. Heute sterben immer noch jedes Jahr knapp zwei Millionen Menschen, weil es an Toiletten fehlt und entsprechend an der Hygiene.

«Die Eawag sucht seit zwanzig Jahren nach einer Lösung, nun haben wir eine Strategie gefunden», sagt die Direktorin. Sie besteht darin, am Entstehungsort mit einer eigens entwickelten Toilette Abwasser, Urin und Fäkalien zu trennen – und das ohne Anschluss an das Trinkwasser- und Abwassernetz. Die Anlagen können also auch in Regionen eingesetzt werden, in denen keine Infrastruktur vorhanden ist. Diese Methode erlaubt es, Nährstoffe für die Düngerproduktion und Frischwasser zum Händewaschen zurückzugewinnen sowie Krankheitserreger abzutöten. Für Janet Hering ist das ein Beispiel, wie Forschende verschiedener Disziplinen seit Jahrzehnten beharrlich ein Produkt entwickelten, das erst durch negative und positive Feedbacks zum Ziel führte.

Das ist aber erst der Anfang. Für Hering ist in diesem speziellen Fall die Zeit der kleinen Schritte vorbei. Nun müssten die grossen Fragen gestellt werden. «Wie können wir mit dieser Innovation Millionen Menschen ohne sanitäre Anlagen helfen und ihnen gleichzeitig mit der Produktion von Dünger ein zusätzliches Einkommen verschaffen?»

imageDie autarke Toilette der Eawag hat das Potenzial, Millionen Armen zu helfen. Foto: Eawag

Die Direktorin sieht darin eine ihrer Aufgaben: Herausfinden, wo die Chancen der Eawag sind, Grosses zu leisten und wie man die Welt verändern kann. «Wir müssen dafür sorgen, dass sich mit unserem Wissen, die Denkweise in den Köpfen von Politikern, Behörden, Unternehmern und der Öffentlichkeit verändert», sagt sie und erklärt es erneut am Beispiel der an der Eawag entwickelten Toilette. «Wir denken zu oft aus der Perspektive der industrialisierten Welt», sagt sie.

Der Bau eines Abwasserreinigungssystems mit Kanälen und Kläranlagen, wie wir das in der Schweiz kennen, sei vielerorts in Entwicklungsländern zu aufwendig und zu teuer. In Afrika oder China gebe es viele Regionen, wo nur wenig Wasser und keine Kanalisation vorhanden sind. «Wir wissen nun, dass ein nachhaltiges Wassermanagement möglich ist», sagt Hering. Nun gelte es, die richtigen Leute von der Strategie eines solchen dezentralen Systems zu überzeugen.

Es sind deshalb die Schnittstellen zwischen Wissenschaft, Politik, Stakeholdern und der Öffentlichkeit, denen sich die Direktorin derzeit intensiv widmet. Hering schwärmt vom Schweizer Abenteurer und Visionär Bertrand Piccard. «Er bringt vorbildlich mit seiner Solarimpulse Foundation Entwickler nachhaltiger Lösungen mit Experten der Industrie und Regierungen zusammen.»

Einladung in die Schweiz

So beschäftigt sich Janet Hering nur noch am Rande mit ihrem einstigen Fachgebiet. 1981 schliesst sie mit einem Master in Chemie an der Harvard University ab. Sechs Jahre später promoviert sie in Ozeanografie am Massachusetts Institute of Technology (MIT).

Kurz vor ihrem Abschluss trifft sie zufällig am MIT den damaligen Direktor der Eawag, Werner Stumm, der in den USA einen Wissenschaftspreis erhielt. Der bekannte Wasserforscher lädt Hering für drei Jahre nach Dübendorf ein.

Es ist der Beginn einer steilen akademischen Laufbahn. Hering wird 1991 Professorin an der University of California in Los Angeles, es folgt eine Professur am California Institute of Technology. Schliesslich nimmt sie 2007 den Posten der Direktorin an der Eawag an. In dieser Funktion ist sie auch Professorin für Umwelt-Biogeochemie an der ETH Zürich und seit 2010 an der EPFL in Lausanne. Seither beschäftigt sie sich vor allem mit dem biochemischen Verhalten von Spurenstoffen in den Gewässern.

Wenn es sein müsse, sollen Forschende auch auf die Strasse.

Dass sie an den besten Hochschulen studieren konnte, verdankt sie letztlich ihren Grosseltern, wie sie sagt. Der eine Grossvater war Bäcker, der andere Maler. Obwohl sie der Arbeiterklasse angehörten, ermöglichten sie Herings Eltern, an der Columbia Universität in New York Rechtswissenschaften zu studieren.

Seit bald zwölf Jahren ist sie nun an der Eawag in der Schweiz. «Hier fühle ich mich wohl», sagt Janet Hering. Schon ganz direktdemokratische «Schweizerin», twittert sie Anfang November während der Wahlen in den USA «I voted». Es sei wichtig, dass die Amerikaner wählen gehen. Und die amerikanische Bevölkerung müsse sich bei ihren politischen Überlegungen auch der Bedeutung der Wissenschaft für den heutigen hohen Lebensstandard bewusst werden. Im Gegensatz zu den USA sei der Austausch zwischen Wissenschaft und Politik in der Schweiz viel intensiver.

Wenn es sein müsse, sollen Forschende auch auf die Strasse. Hier hat sie überhaupt keine Berührungsängste. «Es gibt viele an der Eawag, die sich privat für Umweltthemen engagieren», sagt die Direktorin. Jeder dürfe seine persönliche Meinung haben. «Er darf einfach nicht so weit gehen, dass die Institution ihre Glaubwürdigkeit verliert.»

Der grösste Teil der Drittmittel der Eawag stammt aus Aufträgen der öffentlichen Hand und von Stiftungen. Eine Frage stellt sich dabei für Janet Hering immer: Wie können wir unser Wissen in die Praxis einbringen?

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 07.12.2018, 19:49 Uhr