Schweizerinnen leisten WM-Pionierarbeit

An der WM in Prag leiten Corina Wehinger und Sandra Zurbuchen als erstes Frauenduo Partien der Unihockeyaner.

Die Weltmeisterschaft vereint zwei Welten. Hier die O2-Arena, die Bühne der Arrivierten mit Platz für 17’000 Zuschauer. 800 Meter entfernt die Sparta Arena, Tummelfeld der weniger Arrivierten aber gleichwohl Ambitionierten mit 1300 Sitzplätzen.

Mittendrin im Geschehen sind zwei Schweizerinnen. Sie müssen den Überblick behalten, wenn der Gastgeber Tschechien vor grosser Kulisse in hitziger Atmosphäre gegen Lettland antritt. Oder wenn sich im kleinen Rahmen auf tiefem Niveau Singapur und Thailand begegnen. Die zwei Nationen tun das am Donnerstagvormittag vor 1000 Besuchern derart leidenschaftlich, dass ­ einige Spieler der unterlegenen Singapurer die Sparta Arena weinend verlassen.

«Ja, es sind zwei Welten. Der Niveauunterschied ist gross. Aber auf dem Feld geht es für uns nur um unsere Leistung», sagt Corina Wehinger. «Vor dem ersten Einsatz in der O2-Arena beim Spiel der Tschechen waren wir nervös – gesund nervös», sagt Sandra Zurbuchen.

Pioniere auf vielen Stufen

Zurbuchen, 33, und Wehinger, 31, arbitrieren seit zwölf Jahren gemeinsam. Am Ursprung stand die Vorgabe der Unihockey-Clubs, über 18 Jahre alte Aktivmitglieder müssten ­Junioren trainieren oder sich als Schiedsrichter zur Verfügung stellen. Aus Pflicht wurde Passion. Weil die Bernerinnen noch aktiv waren, durften sie keine Frauenspiele pfeifen. Sie leiteten vorerst Partien bei den Junioren, später in der Nationalliga B der Männer, erhielten gute Kritiken, wuchsen in die Pionierrolle. 2013 leiteten sie als erstes Frauenduo eine Begegnung in der höchsten Schweizer Männerliga.

Das lief dann vorerst so, dass die Spieler in die Halle kamen, die beiden Frauen erblickten, wieder wegschauten, registrierten, dass es sich nicht um Helferinnen, sondern um Schiedsrichterinnen handelt, und sie dann umso länger anstarrten. Die ersten Partien waren schwierig, die Spieler loteten Grenzen aus, versuchten den Frauen gar nicht existierende Regeln aufzuschwatzen. Doch bald war die Spielleitung keine Frage mehr der Akzeptanz und auch keine Frage mehr des Geschlechts. «Die Akzeptanz musst du dir immer erarbeiten», sagt Wehinger. «Je besser die Leistung, desto höher die Akzeptanz.»

«Jedes Spiel ein Highlight»

In Prag erleben die Pionierinnen eine weitere Premiere: Sie sind das erste Frauenduo, das an einer WM der Männer im Einsatz steht. Noch vor wenigen Jahren schien das Utopie. «Politisch wäre das kaum durchzubringen», meinte Wehinger noch im Dezember 2013 in einem Interview. Nun schmunzelt sie und sagt: «Ich hätte nie gedacht, dass das derart schnell klappen würde.»

Neuland betreten bedeutet für die beiden auch, dass sie sich immer wieder bestätigen müssen. Wehinger sagt: «Wir haben eine Vorreiterrolle und versuchen, sie so gut wie möglich wahrzunehmen.» Zurbuchen empfindet die Auftritte international generell und an der WM speziell als angenehm. «Die Spieler sind sich bewusst, dass an einer WM gute Schiedsrichter im Einsatz stehen. Entsprechend wird uns seit Beginn ein gutes Mass an Respekt entgegengebracht. Es liegt an uns, dass das so bleibt.» Zudem werde auf internationalem Niveau «weniger gemotzt als in der Schweizer Liga. Die Spieler konzentrieren sich eher auf ihre Aufgabe.»

Offen ist, ob die Schweizerinnen am Wochenende in der O2-Arena zum Einsatz kommen, wenn es um die Medaillen geht. Die Chancen dürften gering sein, weil sich die Equipe von David Jansson für den Halbfinal qualifiziert hat und Wehinger/Zurbuchen für Partien mit Schweizer Beteiligung nicht infrage kommen. Zurbuchen sagt: «Wir sind dankbar, hier zu sein. Für uns ist jedes Spiel ein Highlight.» In welcher Welt auch immer. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.12.2018, 21:13 Uhr