Plötzlich ging bei der Skifahrerin Jasmine Flury alles sehr schnell

Der Reporter vom Lokalradio fragt ganz schön forsch am Freitag vor den Weltcup-Rennen in St. Moritz. Zum Super-G am Samstag: «Wie gelingt es dir jetzt, es dieses Jahr nochmals so zu bringen?» Zu den Weltmeisterschaften im Februar: «Eine Medaille – klares Ziel?»

Da sind sie also wieder, diese hohen Ansprüche, mit denen Jasmine Flury seit einem Jahr konfrontiert wird, von aussen, aber auch aus ihrem Innern. Es nochmals so zu bringen – das hiesse, den Super-G zu gewinnen, wie vor einem Jahr. Damals hatte Flury alle überrascht, in einem Rennen, das von wechselhaften Wind- und Sichtbedingungen geprägt war, lachte ihr das Glück, gelang ihr eine Fahrt, wie ihr vorher noch nicht manche gelungen war. Doch die Fortsetzung der Saison gestaltete sich oft schwierig.

Längst nicht jede, die erstmals im Weltcup gewinnt, ist schon eine Siegfahrerin, eine Athletin also, der man das Gewinnen fortan immer wieder zutraut. Flury sagt, am Anfang habe sie zu sehr daran gedacht, was einmal möglich sei, müsse doch wieder möglich sein. Sie hatte Mühe, mit der Situation umzugehen, «in die ich da hineingeworfen wurde, glücklicherweise, ich meine . . . der Sieg ist ja das Grösste, das ich erlebt habe in meiner Karriere».

Flury, 25-jährig und aus Davos Monstein, war viel eher eine Spätzünderin als eine frühreife Spitzenskifahrerin. Doch plötzlich ging alles sehr schnell, vorwärts, aufwärts, die erste WM-Teilnahme 2017, zuoberst aufs Siegerpodest ein paar Monate später, die ersten Olympiarennen 2018, und das innert eines Jahres.

Im Herbst 2016 war Flury noch die Fahrerin gewesen, die den Winter zuvor wegen einer Hüftverletzung verpasst hatte, die zwar schon einige Weltcup-Einsätze hinter sich hatte, aber noch nie in den Punkterängen klassiert war. «Und dann war da auf einmal ganz viel Neuland», sagt Flury, «dabei bin ich eine, die es gerne hat, wenn sie weiss, wie etwas ist.» Ihr Wesen und ihr Fahrstil korrespondieren nur bedingt. Wie Flury talwärts donnert, wirkt sie unbekümmerter als viele andere – und manchmal etwas gar wild. Neben der Piste ist sie eher zurückhaltend und kommt manchmal ins Grübeln. «Ab und zu lässt sie die Dinge zu sehr an sich heran», sagt der Cheftrainer Beat Tschuor.

Flury sagt, der Super-G liege ihr besser als die Abfahrt, denn in der Abfahrt, wenn sie sich in Trainingsfahrten herantasten kann, fange sie eher zu überlegen an. Dabei ist sie dann am stärksten, wenn es ihr gelingt, sich auf den Instinkt zu verlassen, was im Super-G besonders gefragt ist, weil es dieses Herantasten in dieser Disziplin nicht gibt. Doch seit dem Coup war Flury im Super-G nie besser als 18. – und dafür in der Abfahrt einmal Fünfte und einmal Sechste.

Es gibt viele, die einmal und nie wieder gewonnen haben, allein fünf Schweizer Speed-Spezialistinnen seit der Jahrtausendwende: Marianne Abderhalden, Fränzi Aufdenblatten, Martina Schild, Sylviane Berthod und Corinne Imlig. Jasmine Flury hat noch viel Zeit, um nachzudoppeln, es muss ihr nicht am Samstag gelingen, es nochmals so zu bringen.