Neue Zeitrechnung in Japan: Sayonara für den Tenno

Der royale Showdown läuft. Mit Prunk und Glamour, aber auch mit Zoff, Kontroversen und Aufregung bereitet Japan den Thronwechsel in der ältesten Erbmonarchie der Welt vor. Japans Kaiser Akihito feiert zunächst am 23. Dezember zum letzten Mal öffentlich seinen Geburtstag, den «Tenno Tanjobi». Der dann 85-jährige Monarch wird mit Frau und Familie auf den Balkon des kaiserlichen Palastes in Tokio treten und dem zahlreich erschienenen Volk zuwinken.

Dieses Prozedere wird sich am 2. Januar wiederholen, wenn seine kaiserliche Majestät zum letzten Mal das neue Jahr und das jubelnde Publikum begrüsst. Dann folgen als nächste Höhepunkte des grossen Abschieds das 30. Thronjubiläum im Januar sowie eine Reihe intern bedeutender religiöser Zeremonien. Der letzte Amtstag des Monarchen wird der 30. April sein, an dem Akihito den Thron offiziell zu Gunsten seines ältesten Sohnes Naruhito räumt.

Am 1. Mai wird der jetzige Kronprinz gebührend inthronisiert. Teil der Feier soll die Übergabe der Regalien – also die kaiserlichen Hoheitsrechte – wie des heiligen Schwertes sowie des mythischen Spiegels sein. Im Anschluss sollen eine Parade sowie ein Bankett mit ausländischen Royals und Staatsgästen dem neuen Kaiser huldigen. Im November wird eine weitere symbolische Krönung den 126. Tenno endgültig auf den Thron heben.

Es geht also ganz schön viel in einer der ansonsten öffentlichkeitsscheuesten Monarchendynastien der Welt. In einer Fernsehansprache aber hatte Kaiser Akihito im Sommer 2016 seinen Wunsch zum Ausdruck gebracht, wegen seiner nachlassenden Kräfte aus gesundheitlichen Gründen zu Lebzeiten abdanken zu dürfen. Die Bitte war ein Schock für die Nation, die den bescheidenen Monarchen sehr verehrt. Mit einem Sondergesetz gab das Parlament Akihito schliesslich die Erlaubnis für diesen ungewohnten Schritt. Er ist der erste Kaiser seit 200 Jahren, der sein Amt nicht bis zum Tode ausfüllt.

Als alle Daten und Details des Thronwechsels weitgehend abgesegnet waren, störte der zweite Kaisersohn die angestrebte Harmonie überraschend und heftig. Auf einer Pressekonferenz zu seinem 53. Geburtstag Ende November kritisierte Prinz Fumihito die massive Verwendung öffentlicher Mittel für die Inthronisierung seines Bruders.

Nach seiner Ansicht müssten die religiösen Shinto-Zeremonien zu diesem Anlass aus dem Budget der kaiserlichen Familie kommen, da in Japan eine strikte Trennung von Religion und Staat herrsche. Der Kaiser Japans ist seit der Niederlage im Zweiten Weltkrieg nur noch Symbol des Staates, aber kein Staatsoberhaupt mehr.

Die Öffentlichkeit ist irritiert, weil persönliche Ansichten und vor allem Kritik aus der kaiserlichen Familie ein Novum sind. Das kaiserliche Hofamt und die Regierung zeigen sich mehr als erbost. Der Hof liess wissen, dass der Prinz eine Grenze des Anstands überschritten habe. Auch die Krönung von Akihito habe die Regierung schliesslich mit umgerechnet rund 18 Millionen Euro finanziert. Das jährliche Budget der Kaiserfamilie betrug in jenem Jahr rund 2,5 Millionen Euro. Würde man heute auf die Einwände des Prinzen hören, müsste die Feier erheblich «abgespeckt» werden.

Grosse Sorgen bereitet auch die neue Kaiserin. Die 54-jährige Kronprinzessin Masako leidet seit ihrer Hochzeit an Depressionen und meidet die Öffentlichkeit. Die zuvor selbstbewusste Karrierediplomatin ist nicht nur an den strengen Hofregeln gescheitert. Sie hat keinen männlichen Thronfolger geboren und kann es nicht verstehen, dass ihre einzige Tochter nach den jetzt geltenden Hofregeln kein Recht auf den Thron hat.

Das grösste Problem aber dürfte die Zeitrechnung sein, denn in Japan ticken die Uhren anders. Mit dem Kaiserwechsel endet die seit 1989 dauernde Regentschaft unter dem Namen Heisei. Obwohl 1873 der gregorianische Kalender eingeführt wurde, rechnen die meisten Japaner in Kaiserepochen. Konkret befindet sich Japan 2018 im 30. Jahr der Heisei-Ära. Mit dem neuen Tenno beginnt nun eine eigene Zeitrechnung.

Schon früher war es ein gigantischer Aufwand, alle Kalender und Rechnungssysteme umzustellen. Die Ära Akihitos aber erstreckt sich fast über das gesamte Informationszeitalter, die meisten Rechnersysteme wurden in dieser Zeit entwickelt. Die Frage lautet: Werden Computersysteme und digitale Gerätekonfigurationen bei der Umstellung reihenweise abstürzen? Die Panik rührt aus der Erfahrung mit dem Y2K-Phänomen zur Jahrtausendwende. Aber anders als die Japaner jetzt hatten Spezialisten und Softwareanbieter damals viele Jahre Zeit, an Lösungen zu arbeiten. Experten warnen vor einem Superchaos.