MARKT-AUSBLICK/Brexit belastet – Alles andere auch

Von Michael Denzin

FRANKFURT (Dow Jones)–Nicht allzuviel Hoffnung auf eine deutliche Kurserholung sollten sich Anleger für die vorletzte Handelswoche eines gescheiterten Börsenjahres machen. Von einer Weinhnachstrally wagt kaum noch jemand zu reden, schon eine Stabilisierung an den internationalen Aktienmärkten wäre ein Gewinn. Denn zu den ständig neuen negativen Nachrichten gesellen sich auch noch derart wichtige Termine, dass Abwarten bei Großanlegern erste Wahl ist.

In Deckung vor Brexit-Abstimmung und EZB

Mit der Brexit-Abstimmung am Dienstag besteht die Gefahr, dass sich die Märkte mental mit der Möglichkeit eines ungeordneten Brexit abfinden müssen. Die Ablehnung des Rahmenvertrages mit der EU im britischen Unterhaus dürfte kaum zu vermeiden sein. Da die Abstimmung erst am Abend durch sein dürfte, wäre sie für die Märkte erst am Mittwoch zu handeln.

Gleich am Donnerstag hat sich der Markt dann auch noch mit diversen Notenbanksitzungen herumzuschlagen, im Fokus steht natürlich die der Europäischen Zentralbank (EZB). Von dort dürfte ebenfalls ein formeller Beschluss kommen, nämlich der Ausstieg aus dem Anleihekaufprogramm. Das Ende der Politik des lockeren Geldes wäre dann auch formal beschlossene Sache. Dazu befürchten einige Marktteilnehmer, neue Aussagen von EZB-Präsident Mario Draghi könnten auf eine schwächere Inflationserwartung und damit Wirtschaftswachstum deuten – allesamt keine Gründe für Freudensprünge.

Verfalltag schon vor US-Zinserhöhung erledigen

Das Ganze findet statt vor dem Hintergrund der mit großer Sicherheit erwarteten Zinserhöhung in den USA in der darauf folgenden Woche. Da dies die letzte vor Weihnachten ist und gleichzeitig noch von einem Großen Verfalltag an den internationalen Terminbörsen am Freitag dominiert wird, befürchten einige Marktteilnehmer Maximalschaden. Nämlich dass ein hoher Umschichtungsbedarf auf gleichzeitig extrem ausgedünnte Orderbücher trifft.

Tage mit solcher Illiquidität erzeugen dann höchste Volatilitäten und damit gestörte Preisbildungsmechanismen. Von echten Langfrist-Anlegern werden sie daher am liebsten ganz umschifft. Die Abwicklung des Verfalls von Options- und Future-Positionen habe daher bereits in der abgelaufenen Woche begonnen, man versuche noch vor der Brexit-Abstimmung am Mittwoch durch zu sein und bestimmt nicht in die letzen Handelstage rund um eine US-Zinserhöhung zu geraten, heißt es aus dem Optionshandel.

China-Schock steckt in den Knochen

Die Bereitschaft zum Eingehen neuer Positionen noch vor Jahresende ist bei Fondsmanagern ohnehin gering. Das Entsetzen über die Verhaftung der Tochter des Firmengründers von Chinas Handyhersteller Huawei auf Geheiß der US-Behörden steckt den meisten noch in den Knochen. Wieviel Porzellan damit zerschlagen wurde, ist bislang nicht absehbar. Anstelle des vor einer Woche gefeierten 90-tägigen “Waffenstillstands” im Handelskonflikt USA/China wurde stattdessen eine neue Eskalationsstufe erreicht. Professionelle Anleger können derweil auch nicht abschätzen, ob es sich nur um ein besonders unsensibles Vorgehen oder ein geplantes Signal in Richtung China gehandelt hat. Daher bleibt auch ihnen nur, aus Sicherheitsgründen die allgemeinen Risikoprämien für den Aktienbesitz zu erhöhen – sprich: zu Verkaufen.

Illiquidität und Volatilität verhindern Schnäppchenjagd

Im immer illiquider werdenden Vorweihnachtsmarkt dürften daher systematische Verkaufswünsche weiter auf nur sporadisches Kaufinteresse stoßen. Kein Wunder also, dass für den DAX auch Jahresendziele um die 10.400 Punkte im Handel zu hören sind. Eine gute Nachricht ist so eine Marktumgebung nur für kurzfristige Trader und Schnäppchenjäger. So wie die professionellen Vermögensverwalter, die nicht den Fesseln des Benchmarkings und sinnbefreiten Regularien unterliegen wie Publikumsfonds.

Schließlich hat der jüngste Anstieg der Schwankungsbreite an den Aktienmärkten, die Volatilität, zu absurden Entwicklungen geführt: Die meisten Fonds dürfen nämlich gerade dann nicht kaufen, wenn sie es eigentlich für besonders sinnvoll halten. Denn Volatilität wird als Risiko interpretiert, also werden Aktien als besonders riskant klassifiziert, genau wenn sie ihren Kurseinbruch hinter sich haben. Wer mit dem sogenannten Risikobudget oder dem in den USA populären Risk-Parity-Ansatz fährt, darf dann nur besonders wenig kaufen, wenn es am billigsten ist.

Vor Weihnachten gibt es ja auch Hoffnung…

Vielleicht liegt hier der größte Trost für Privatanleger – die Profis werden ihnen Schnäppchenaktien bis zum Jahresende kaum streitig machen. Dazu gibt es kommende Woche natürlich auch noch die Chance auf positive Überraschungen: So wenn die Brexit-Abstimmung überraschend glimpflich über die Bühne ginge. Oder die EU nach einem Scheitern im Unterhaus entgegen bisheriger Aussagen weitere Verhandlungen anbietet. Dann ist im Handel schon von erwarteten Erleichterungsrallys im Bereich von 500 Punkten oder mehr im DAX zu hören.

Auch könnte ja Apple die Talfahrt der Technologie-Werte stoppen, indem überraschend gute iPhone-Verkäufe im Weihnachtsgeschäft vermeldet werden. Oder die globalen Einkaufsmanger-Indizes (PMIs), vor allem aus China, am Freitag eine stärker werdende Weltwirtschaft zeigen, obwohl die US-Inflation am Mittwoch keinen zu großen Preisdruck gezeigt hat. Hoffen kann man ja immer.

Kontakt zum Autor: maerkte.de@dowjones.com

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December 07, 2018 08:19 ET (13:19 GMT)