«Warum vermitteln wir nicht Umzüge und verdienen daran?»

Guy Lachappelle, neuer Verwaltungsratspräsident von Raiffeisen, über Diversifikation, Bruno Gehrigs Untersuchungsbericht und seine Verantwortung im ASE-Fall der BKB.

Mit rund 93 Prozent der Stimmen haben die Delegierten von Raiffeisen Guy Lachappelle gestern zum neuen Verwaltungsratspräsidenten gewählt. Ein gutes Ergebnis, wenn man bedenkt, dass seine Rolle im Umgang mit dem ASE-Skandal bei seinem Ex-Arbeitgeber, der Basler Kantonalbank, nicht unumstritten ist. Fragen danach beantwortet er nach seiner Wahl ruhig und sachlich, auch wenn das Gespräch mit der SonntagsZeitung sein achtes Interview in Folge ist.

Herr Lachappelle, wie viel Druck war nötig, damit Patrik Gisel ging?

Ich war nicht involviert. Ich bin erst gerade in den Verwaltungsrat gewählt worden.

Aber Sie haben eine Meinung dazu?

Sicher. Und ich finde den Entscheid richtig. Denn in Sachen Corporate Governance stehen wir unter verschärfter Beobachtung.

Sonderermittler Bruno Gehrig hat in seiner Rede festgestellt, dass Beteiligungen zu teuer und an den zuständigen Gremien vorbei getätigt wurden. Muss Patrik Gisel nun mit einer Strafanzeige rechnen?

Die Analyse ist ergebnisoffen. Ich habe die wichtigsten Ergebnisse am Samstag zum ersten Mal gehört. Wir werden die vorliegenden Befunde analysieren und wenn nötig disziplinarische und personelle Konsequenzen ziehen. Der finale Bericht wird voraussichtlich Ende Jahr veröffentlicht. Bisher wurden aber keine aufsichtsrechtlich oder strafrechtlich relevanten Tatbestände gefunden. Für ein abschliessendes Urteil will ich erst den finalen Bericht lesen. Stand heute gehe ich davon aus, dass eher zivilrechtliche als strafrechtliche Schritte zu prüfen sein werden.

Wer wird denn Nachfolger von Patrik Gisel?

Wir haben eine Handvoll Kandidaten auf der Shortlist. Die Kandidaten haben auch gesagt, dass es für sie wichtig ist, wie die Delegiertenversammlung ablaufen wird. Nur ein knappes Dutzend Delegierte haben gegen meine Wahl gestimmt, das ist für mich ein starkes Mandat. Auch bei den Reformfragen zieht die Raiffeisen-Gruppe an einem Strang.


Bilder: Personalwechsel bei der Raiffeisen


Und wann wird der oder die neue Chefin benannt?

Ich rechne noch vor Ende des Jahres damit.

Und wann fängt der neue Chef an? Die werden ja nicht alle arbeitslos sein und sofort anfangen können?

Die Person wäre falsch, wenn sie jetzt arbeitslos wäre. Wir müssen davon ausgehen, dass der oder die neue Vorsitzende der Geschäftsleitung eine Kündigungsfrist einhalten muss. Vielleicht können wir uns mit dem alten Arbeitgeber über einen vorzeitigen Abgang einigen.

Neben neuen Köpfen braucht Raiffeisen auch neue Strukturen. Wird künftig jede Raiffeisenbank einen Delegierten stellen, wird also das Prinzip «One Bank, One Vote» eingeführt?

Das zeichnet sich in der Tat ab, und das habe ich auch in den Gesprächen in den Regionalverbänden herausgehört. Historisch gesehen wurden Delegierte deshalb bestimmt, weil es 1400 Raiffeisenbanken gab, da wäre eine Vollversammlung schlicht zu gross gewesen. Heute gibt es noch 246 Raiffeisenbanken, da sieht die Lage ganz anders aus.

Was sind Ihre Prioritäten für die ersten 100 Tage?

Ein Schonfrist von 100 Tagen habe ich mit Sicherheit nicht. Am Anfang stehen viele Gespräche mit Raiffeisenbanken an. Das Zweite ist natürlich die Benennung eines neuen Vorsitzenden der Geschäftsleitung. Und zum Dritten müssen wir die Entscheidungsstrukturen neu definieren: Wo und wie wollen die Raiffeisenbanken bei Entscheiden von Raiffeisen Schweiz mitreden?

Wie geht es mit den Beteiligungen von Raiffeisen Schweiz weiter, zum Beispiel Leonteq?

Wir werden sicher die Entflechtungsstrategie fortsetzen. Wir werden jetzt prüfen, welche Beteiligungen für unser Geschäft wirklich relevant sind. Ich strebe eine Diversifikation an, aber nicht über Zukäufe.


Video – Das erwartet Lachappelle bei Raiffeisen


Wirtschaftsredaktor Jorgos Brouzos über die Baustellen, die der neue Verwaltungsratspräsident in Angriff nehmen muss. (Video: Jan Derrer)


Wie wollen Sie denn dann die Abhängigkeit vom Zinsgeschäft senken?

Wenn Raiffeisen Schweiz etwas zukauft, haben die Raiffeisenbanken davon noch keinen Diversifikationseffekt. Die Banken selbst müssen ihre Einnahmen auf eine breitere Basis stellen. Eine Chance dafür bietet die digitale Transformation. Wir schauen uns da neue Geschäftsmodelle an.

Zum Beispiel?

Schauen Sie sich die Basellandschaftliche Kantonalbank an: Sie verkauft Hypotheken im Paket mit einer Erdbebenversicherung. Oder sie verkaufen eine Hypothek zusammen mit einer Lebensversicherung. Wir müssen Bankdienstleistungen mit Nicht-Bankdienstleistungen kombinieren. Da haben wir mit 3,8 Millionen Kunden einen enormen Hebel. Wenn wir die Bank auf das Mobiltelefon bringen, warum verkaufen wir nicht auch gleich einen Mobilfunkvertrag? Wir sind stark im Liegenschaftsgeschäft, man könnte auch daran denken, Umzüge zu vermitteln und daran etwas zu verdienen.

Werden die Raiffeisenbanken dann zu einer Art Supermarkt?

Nein, so weit gehen wir nicht. Die Basis bleibt das Bankgeschäft. Aber wir können mehr Finanzprodukte mit Nicht-Finanzprodukten verkaufen. Da gibt es Potenzial.

Ihre Wahl wurde überschattet durch Ermittlungen und die Frage, ob Ihr alter Arbeitgeber, die Basler Kantonalbank, im Fall ASE eine Geldwäscherei-Meldung zu spät eingereicht habe. Wie gefährlich ist das für Sie?

Wir haben den Fall ASE zu spät gesehen, keine Frage. Aber das Eidgenössische Finanzdepartement, das diese Ermittlungen führt, hat öffentlich gesagt, dass ich nicht Teil der Untersuchung bin.

Mag sein. Aber Sie waren damals Mitglied der Geschäftsleitung. Das Verfahren ist doch zumindest ein Reputationsrisiko?

Es bleibt immer ein Restrisiko. Aber wenn das EFD den Medien gegenüber bestätigt, dass die Ermittlungen mich nicht betreffen, dann können Sie davon ausgehen, dass das Risiko gering ist.

Haben Raiffeisenbanker bei den Treffen mit Ihnen danach gefragt?

Mir war klar, dass, wenn ich mich um die Raiffeisenspitze bewerbe, das Thema wieder kommen wird. Ihr Blatt hat das ja auch aufgegriffen. Das hat schon zu einer Verunsicherung geführt und war bei jedem meiner Treffen vor allem in der Deutschschweiz ein Thema. Aber wenn man den Sachverhalt erklärt, dann versteht das jeder.

Wirklich? Sie waren in der Geschäftsleitung der BKB, und Sie trifft keine Verantwortung?

Die Geschäftsleitung hat die Verantwortung für die gesamte Geschäftsführung, das ist klar. Aber am Schluss müssen Sie die Verantwortung definieren und fragen, wer hat was gemacht. Die Verantwortung für den Kunden ASE lag beim Kundenberater. Ich war für das Kreditgeschäft verantwortlich. Ich habe den Fall nicht gesehen. Die Tatsache, dass viele ASE-Kunden ihr Konto überzogen hatten, ist noch kein Fall von Geldwäscherei.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 11.11.2018, 00:02 Uhr