Vor 29 Jahren kippte Chemnitz das System – heute tut es das wieder

Heute macht Chemnitz Schlagzeilen, weil die AfD und alles, was noch rechter ist, wöchentlich durch die Strassen marschiert. Die Wunden der Wende.

Als der DDR-Grenzschützer Tilo Koch aus Karl-Marx-Stadt im Herbst des Jahres 1989 taub vor Angst in einem Nebengebäude des Brandenburger Tors lag, war schon nichts mehr zu retten. Bettina Sauer sass an einer Strickmaschine des VEB Polar und strickte die letzten Chargen Socken für die Russen, während Corina Jistel im Spital in den Wehen lag, und weder Wolfgang Becker, Betriebsleiter im Kombinat Fritz Heckert, noch Winfried Wenzel, der noch immer auf sein Telefon wartete, ahnten, dass die Blüte der Industriestadt Chemnitz, ihr Land und ihr bisheriges Leben nun bald ausgelöscht sein würden.

Alle fünf sind Chemnitzer, und das ist fast schon alles, was sie verbindet. Die andere, noch stärkere Verbindung aber ist diese: Sie alle haben nach dem Mauerfall Dinge erlebt, von denen der Westen bis heute keine Ahnung hat. Und die ihn auch gar nicht interessieren. Es sind fast immer Geschichten der Demütigung, die den Chemnitzern das Gefühl vermitteln, Deutsche zweiter Klasse zu sein.


Ein Land, zwei Welten
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Unser Nachbarland Deutschland ist tiefer getrennt, als man glauben möchte. Zwei Städte, die für das politisch gespaltene Land stehen, sind Freiburg und Chemnitz. Chemnitz macht Schlagzeilen, weil die AfD und alles, was noch rechter ist, dort wöchentlich durch die Strassen marschiert. Freiburg ist immer noch eine Art Chiffre für das, was oft als deutsches Gutmenschentum verspottet wird. Zwei Autoren von «Das Magazin» haben die beiden Städte besucht. Den Text zu Freiburg lesen Sie hier.

Die gemeinsame deutsche Wende-Erzählung beginnt mit dem 9. November 1989, dem Tag, an dem die Mauer fiel. Und sie endet ein knappes Jahr später, am 3. Oktober 1990, dem Tag der Deutschen Einheit. Danach gingen Ost und West wieder getrennte Wege – gar nicht so anders als in den vierzig Jahren DDR zuvor.

Die Vorgeschichte dieser zweiten deutschen Teilung aber ist ein wahres Märchen. Keiner kann es so schön erzählen wie Tilo Koch. Er sitzt in der Küche seines Elternhauses in Chemnitz-Ebersdorf. Die Haare halblang und blondiert, die Backen dick von einer Wurzelbehandlung. Vor ihm ein Brötchen mit Wurst, das er gern essen würde, aber nicht kann. Ein Brötchen wie der Sozialismus: Er mochte ihn, konnte ihn aber nicht geniessen. Koch hatte es gut. Sein Vater war ein hohes Tier bei der Stasi in Sachsen und nahm ihn manchmal in ein geheimes Kaderhotel mit, das einen eigenen Swimmingpool hatte. Auch an Zigaretten, Bier und Mädchen gab es keinen Mangel. Nur war es im Sozialismus leider furchtbar grau und öde.

Koch gründete eine Punkband. Nicht aus Widerstand gegen das System, eher gegen die Langeweile. Er nannte sie Roter Terror. Für ein unangemeldetes Konzert in einem Keller malte er ein Plakat: ein Sowjetstern, dessen unteres Ende zerfliesst.

Nach den ersten vier Songs kam die Polizei. Sie konfiszierten sein Plakat und seinen Ausweis. Koch lief nach Hause und klopfte mitten in der Nacht an die Schlafzimmertür seines Vaters. Als der herauskam, sagte er nur: Ist es also so weit. Der Vater holte einen Cognac aus der Schrankwand im Wohnzimmer. Sie sassen bis zum Morgen und leerten die ganze Flasche. Und hatten einen Deal geschlossen: Wenn du mir hilfst, helfe ich dir.
Der Vater rief eine Sondereinheit der Stasi an. Sie sollten bei der Polizei einbrechen und das Plakat mit dem Sowjetstern herausschmuggeln, damit es kein Beweisstück mehr gibt. Das haben sie gemacht. Und Tilo musste auf die Offiziersschule.

Die war hart. Er kam in die 21. Kompanie der Grenztruppen, eine Eliteeinheit. Sie übten Häuserkampf, Hubschrauberkampf, endlose Märsche. «Ich wollte aufhören, aber ich konnte nicht. Aus Loyalität.» Er steckt sich eine Zigarette an. «Und weil ich verliebt war.» Sie war das hübscheste Mädchen seiner Schulklasse, Typ Model, unerreichbar für einen wie ihn.

Jeder Deutsche, der damals alt genug war, wird sich ein Leben lang an diese Bilder erinnern.

Aber sie schrieb ihm, schickte ein Foto von sich, das er jeden Tag ansah. Und sie kam zu seiner Vereidigung als Grenzsoldat. Er hatte ein Ziel: Urlaub mit ihr, es war bereits alles geplant: erst nach Schloss Moritzburg, dann ins Elbsandsteingebirge. Nach der Parade zur 40-Jahr-Feier der DDR in Berlin sollte es losgehen. Der Urlaub wurde gestrichen.
Stattdessen landete er in dem Haus am Brandenburger Tor. Die Ansage war: Als Demonstranten getarnte Terroristen zögen durch die Stadt. Es sei mit Messerattacken, Bomben und Molotowcocktails zu rechnen, es gehe um das Land, um die Idee, um alles. Um die Soldaten abzulenken, liessen die Offiziere Filme zeigen, Westfilme. In «Moonstruck», mit Cher, sagt Koch, sah Cher aus wie seine Freundin. Es ist bis heute sein Lieblingsfilm.

Dann die Verlegung zum Checkpoint Charlie, am 9. November 1989. Noch immer wussten sie nicht, was los war. Aber sie sahen es: Von beiden Seiten der Grenze marschierten Tausende Menschen auf sie zu. Sie versuchten, die Menge zurückzudrängen, bildeten eine Kette. Sie zerriss, und Koch trieb, von der Masse mitgespült, mal in den Osten, mal in den Westen. Er rechnete jederzeit mit einem Messerangriff, hatte Todesangst, aber die Menschen küssten und umarmten ihn, rissen ihm die Abzeichen von der Uniform. Irgendwann zog ihn ein Kamerad hinter eine Abzäunung. Die Grenze war offen. Die Leute warfen ihnen Blumen und Zeitungen über die Absperrung. Sie waren eingekesselt. Sie waren gefangen. Und frei.

Jeder Deutsche, der damals alt genug war, wird sich ein Leben lang an diese Bilder erinnern, den Taumel, die strahlenden Gesichter. Noch heute fliessen auch beim Autor dieser Zeilen die Tränen, wenn im Fernsehen die Bilder von Aussenminister Genscher gezeigt werden, der die DDR-Geflüchteten vom Balkon der deutschen Botschaft in Prag in der BRD willkommen heisst: «Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass Ihre Ausreise….», der Rest ging unter im Freudengeschrei.

Die Rede, die zu Tränen rührt: Genschers Rede auf dem Balkon der Prager Botschaft vom 30. September 1989. Video: Youtube

Etliche Verfilmungen dieser Jubeltage gibt es, in denen die DDR, eine niedliche Puppenwelt aus graubraunem Plastik, im Trabbi ihrem historischen Endziel entgegenknattert: der BRD. Auch Tilo Kochs Geschichte hielt für ein Rührstück im ZDF her. Es endet damit, wie er seine Freundin auf der Zonengrenze in die Arme schliesst. Und dann hört nicht nur der Film auf, sondern auch die gemeinsame Geschichte von Ost und West.

Was folgt, war für Koch und seine Landsleute, egal wie sehr sie die Wende ersehnt hatten, eine Zeit der Vernichtung und der Besetzung. Vernichtet wurden Gewissheiten und Gewohnheiten, Jobs und Industrien. Besetzt wurde das wüste Ostdeutschland von westdeutschen Juristen, Managern und Abenteurern. Sie kamen und verkauften den ahnungslosen Ostdeutschen ihre Schrottautos und sogar Aldi-Kataloge. Solange der Westen noch glänzte, liess sich alles, was von dort kam, zu Geld machen.

Koch heiratete seine Freundin, in Moritzburg. Er begann ein Studium der Betriebswirtschaft an der Chemnitzer Universität. Nach zwei Jahren hiess es dann, sämtliche Prüfungen müssten wiederholt werden, da alle Professoren entlassen und durch West-Lehrer ersetzt würden. Auch der Bürgermeister und alle höheren Verwaltungsstellen wurden mit Westlern besetzt, mit «Buschzulage», für die Zumutung, im Osten arbeiten zu müssen. Da auch im Westen nicht unbegrenzt Spitzenkräfte zur Verfügung standen, kamen nicht immer die Besten und nicht immer jene mit den lautersten Absichten. Koch schmiss das Studium und machte eine Kneipe auf. Es waren goldene, doch traurige Jahre für ihn. Die arbeitslos gewordenen Menschen soffen sich jeden Abend die Birne weg. Das war gut fürs Geschäft. Aber die Seele, sie litt.

Die Demütigung

Das Zentrum von Chemnitz ist kein hübscher Ort. Nicht so hübsch wie die vielen Städte in den neuen Bundesländern, die im Zuge des Grossprojekts Aufbau Ost zu historischen Schatzkisten wurden. Das liegt auch daran, dass Karl-Marx-Stadt, wie Chemnitz in der DDR hiess, zur sozialistischen Musterstadt umgebaut worden war, mit breiten Aufmarschstrassen, weiten Plätzen und mehrstöckigen, massiven Blockbauten, die Dynamik und Stärke von sozialistischer Wirtschaft und sozialistischem Wesen demonstrieren sollten. Geografisches und symbolisches Zentrum ist der gigantische Karl-Marx-Kopf, Nischel genannt, der auch nach der kapitalistischen Wende über die Proletarier der Stadt wacht, arbeitslos geworden wie diese.

Im Zentrum haben die Stadtplaner nach der Wende mit groben Nutzbauten ein paar geschlossene Plätze geschaffen, mit Cafés und Geschäften – und ohne den Wind, der einem auf den breiten Magistralen entgegenbläst. In einem solchen Café sitzen jetzt Corina und Detlef Jistel und blicken auf die Buden, aus denen Wurstverkäufer aus dem ganzen Bundesgebiet, aber ohne Kundschaft auf sie zurückstarren. Es ist der 3. Oktober 2018, der Tag der Deutschen Einheit. Im Groben und Ganzen, sagen sie, geht es uns gut.

Sie sind in ihren Fünfzigern, die Kinder aus dem Haus, sie haben die schwierigen Jahre gemeistert, mit Disziplin und durch viele Härten, die Spuren in ihren Gesichtern hinterliessen. Nach der Wende haben sie sich mit einem Reifenservice selbstständig gemacht. Das Geschäft läuft, denn ohne Auto kommt man in Chemnitz nicht weit, und solange Autos fahren, brauchen sie auch einen Reifenwechsel. Sie sind keine Gegner der Veränderung. Sie waren auch auf den Strassen 1989 bei den Montagsdemos, sie wollten das Ende. Doch als es dann wirklich kam, waren sie überrascht. Alles ging so schnell. Es war nicht das Neue, das sie überfordert hat, es war das Alte, Gewohnte und durch Gewohnheit lieb Gewonnene, das praktisch über Nacht verschwand.

imageEr hat als Einziger von der Wende gar nichts mitgekriegt: Der Karl-Marx-Kopf, liebevoll Nischel genannt. Foto: Getty Images

Er, Detlef Jistel, will dazu nichts sagen. Sie sagt, je länger die Wende her ist, desto klarer werde ihr, was sie aufgegeben haben. Die Sicherheit. Die Solidarität. In der DDR hat ein Direktor genauso viel verdient wie ein Handwerker. Es ging jedem in etwa gleich gut, weil es den wenigsten wirklich schlecht ging. Man lebte in den gleichen Wohnungen, trug die gleichen Kleider und fuhr die gleichen Autos. Es gab wenig Neid auf Materielles, denn es gab keinen Grund dazu.

Weil man wenig hatte und es nicht alles, was man brauchte, zu kaufen gab, musste man tauschen, einander aushelfen. Der eine hatte eine Bohrmaschine, der andere einen Eimer Farbe. Die Stadt war sicher, der Arbeitsplatz sowieso. «Es war eine behütete Zeit, man hatte vor nichts Angst, solange man nicht über Politik redete.» Wenn sie ein Gefühl habe, das ihre Gedanken an damals begleite, dann dieses: Geborgenheit.

Sie sagt: «Ich war bei der Wende 25 Jahre alt, und diese 25 Jahre haben mich stärker geprägt als alles, was danach kam.» Zumal alles, was folgte, radikal anders war: neue Behörden, neues Geld, neue Waren, neue Manager, neue Politiker. Und all das kam aus dem Westen. Nichts aus dem Osten wurde übernommen, kein einziges Gesetz, keine Regelung und kein Ritual wie die Brigadevergnügen oder die Betriebsausflüge. Nur die Ampelmännchen mit dem Hut haben sie nachträglich wieder eingeführt, als kleines Nostalgiebonbon.

Im Westen dagegen blieb alles beim Alten. Die Wiedervereinigung war ein wohliger Triumph der Geschichte, eine Art WM-Supersieg, begleitet von einem Konjunkturprogramm für die Wirtschaft. Was sich änderte, waren im Wesentlichen das gewachsene Portfolio der Immobilienfirmen und die sächselnden Ansager in den U-Bahnen von München.

Was das Ungleichgewicht angeht, hat sich bis heute nichts geändert. Eine Studie der Universität Leipzig mit dem Titel «Wer beherrscht den Osten?» stellt fest, dass Führungspositionen in Politik und Wirtschaft im Osten bis heute nur zu 23 Prozent von Ostdeutschen besetzt sind und gerade einmal 13 Prozent der Richterstellen. Bundesweit sind die Zahlen unterirdisch: Ganze 1,7 Prozent der Führungskräfte stammen aus den neuen Bundesländern, 2 von 200 Generälen der Bundeswehr, 5 von 156 Staatssekretären der Bundesregierung, und bei der Wochenzeitung «Die Zeit», so hat ein Kollege gezählt, arbeiten unter den 200 Autorinnen und Autoren gerade einmal 10, die aus dem Osten stammen. Bei den anderen landesweiten Medien sieht es ganz ähnlich aus, und auch das ist ein Grund, warum das grösste Thema praktisch aller Ostdeutschen, die vor dem Mauerfall zur Welt kamen – das Trauma der Wende – in der Bundesöffentlichkeit schlicht nicht vorkommt.

Noch einmal lassen sie sich nicht verarschen.

«Sie haben alles, was aus dem Osten kam, einfach weggeworfen», sagt Corina Jistel. Natürlich sei die DDR ein Unrechtsstaat gewesen, aber die Strassenverkehrsordnung, das Schulwesen, das Gesundheitssystem – es kann doch nicht alles schlechter gewesen sein! Ihr erster Sohn kam am 13. November 1989 zur Welt, ein Wendekind. In den 90er-Jahren sei sie dann von West-Frauen als Rabenmutter beschimpft worden, weil sie gearbeitet und ihr Kind in die Kita gegeben hat. Und nun gibt es, wie es in der DDR selbstverständlich war, in ganz Deutschland eine Kitapflicht. Aber das wird als Neuerung aus den skandinavischen Ländern verkauft.

Warum, fragt sie, hat man sich denn nach der Wende nicht in Ruhe zusammen hingesetzt, alle Gesetze einmal gemeinsam angesehen und dann entschieden: Was ist hier besser, was dort? Doch dann gibt sie die Antwort gleich selbst: weil die Wende nicht zur Einheit führte, wie es offiziell heisst, sondern zu einer Annexion.

Blühende Landschaften versprach Helmut Kohl, der Kanzler der deutschen Einheit, den Ostdeutschen. Und er hat recht behalten: Die Städte und Äcker stehen im Saft, sie sind neu erblüht. Doch der Wunsch danach, als Teil eines grossen Ganzen in Gesamtdeutschland aufzugehen, ist verdorrt. Corina Jistel hat das Desinteresse, die Verachtung des Westens gegenüber dem Osten jahrelang erduldet. Erst war sie verunsichert, dann zu beschäftigt, mit der Situation klarzukommen, schliesslich resigniert. Doch noch einmal lassen sie sich nicht verarschen. Als die Regierung, wieder, ohne sie zu fragen, das Land mit Flüchtlingen überschwemmt habe, sei der Osten endlich auf die Strasse gegangen, in Dresden, in Chemnitz, fast überall. Es gehe ihr gar nicht um die Migranten, sagt Corina Jistel. Sondern darum, dass man gehört werde.

Hinfallen und aufstehen

Für Ostdeutsche, die Kritik an der Wende und ihren Folgen üben, gibt es zwei Schmähwörter, die diese Kritiker bislang zuverlässig zum Schweigen brachten: Jammerossi. Und Ostalgiker. Während man unter den Jammerossis Ostdeutsche subsumiert, die es wagen, sich zu beklagen, obwohl sie vom Westen Milliarden an Aufbauhilfen, Autobahnen, Lidl und Thomas Gottschalk bekamen, versteht man unter dem Ostalgiker jenen, der sich vermeintlich die DDR zurückwünscht.

Auch den Jistels würde wohl vorgeworfen, sie schwelgten in Ostalgie, weil sie sagen, dass die DDR, ein Land, dessen Ende sie ausdrücklich begrüssen, durchaus auch die eine oder andere positive Eigenschaft hatte. Und dass, wenn man diese schon nicht nach Gesamtdeutschland mitgenommen hat, der Westen doch immerhin anerkennen könne, dass ihr früheres Leben nicht völlig ideologisch verblendet, durch einen Unrechtsstaat delegitimiert und daher wertlos gewesen sei. Interessanterweise sind die Kritiker kritischer Ostdeutscher vor allem Ostdeutsche selbst, etwa der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse von der SPD. Vielleicht aus Furcht, selbst als Ostalgiker und Jammerossi zu gelten.

«Manche hatten noch nie einen Ossi gesehen. Sie haben mich gefragt, wie ich dem Hunger entkommen sei.»Bettina Sauer

Vielleicht gibt es aber auch einen anderen Grund, weshalb manche nur über die Vorteile und Errungenschaften der Wende für den Osten reden mögen, die ja offensichtlich sind und die kaum einer ernsthaft infrage stellt: Sie mögen sich oder anderen nicht eingestehen, wie sehr sie die Behandlung durch den Westen gekränkt hat.

Auf einer Bank vor dem grauen Rathaus sitzt Bettina Sauer, mit leuchtend roten Schuhen, rotem Schal und kerzengeradem Rücken. Sie hat an diesem Tag nichts zu tun, keine Termine, keine Arbeit. Es ist ja auch ein Feiertag. Doch an den anderen Tagen geht es ihr nicht anders. Sie hat nach der Wende wieder und wieder versucht, im Beruf Tritt zu fassen. Irgendwann konnte sie nicht mehr.

Gelernt hat sie Datenverarbeitung, arbeitete im Dreischichtbetrieb, dann, 1981, kam das erste Kind, und Schichtarbeit war nicht mehr drin. Doch nichts fiel leichter in der DDR, als den Arbeitsplatz zu wechseln. Bettina Sauer ging zum Volkseigenen Betrieb Polar und bewarb sich als Strickerin. Gelernt hatte sie das Handwerk nicht, aber es ging auch so. Sie arbeitete sich schnell ein, ihre Mitarbeiter waren Freunde. Erst später, nach der Wende, wurden dann aus Freunden Kollegen.

Wie in jedem Betrieb gab es natürlich auch ein paar von der Stasi. Jeder wusste, wer es war. «Die sassen in der Kantine immer alleine, niemand hat mit denen geredet.» Sie waren irgendwie auch arme Schweine. Aber eben Schweine.

Der VEB Polar stellte Strickwaren aller Art her, sowohl für den inländischen Bedarf als auch für Russland. «Die Russen bekamen diese extra dicken Handschuhe. Sie waren aus besonders billigem Material und haben gekratzt, als wären sie aus Holzwolle. Aber sie hielten warm.» Als die Mauer fiel, kaufte in der DDR kein Mensch mehr Kleidung aus der DDR. Und die Russen wurden so arm, dass sie sich nicht einmal mehr das billige, kratzende Zeug leisten konnten. Das war das Ende des VEB Polar und von Bettina Sauers Karriere als Strickerin.

Es gab 4000 D-Mark Abfindung und eine EDV-Fortbildung. Sie kam gut weg damit, sagt sie. Arbeitslos waren ja alle, die 4000 Mark sah sie als Privileg. Ihr Mann hatte ausserdem einen guten Job, bei Schindler aus der Schweiz. Als sie merkte, dass ihre EDV-Kenntnisse niemand wollte, bewarb sie sich in einem Schuhladen. Weil sie Schuhe liebt. «Ich hatte schon wieder Glück», sagt sie. Es war ein Westbetrieb, das Gehalt kam immer pünktlich. Bis der Schuhladen pleiteging und sie wieder auf der Strasse stand. Da kam die Panik. Die Scheidung. Und das Burn-out.

Das war 2012. Sie musste zur Behandlung in eine Reha nach Hessen, Westdeutschland. Dort war sie der einzige Ossi. «Manche hatten noch nie einen gesehen. Sie haben mich gefragt, wie ich dem Hunger entkommen sei – sie dachten, es habe im Osten nichts zu essen gegeben. Ja, keine Bananen, das stimmt, und Orangen nur selten und dann aus Kuba. Aber das war nicht der Grund, dass so viele die DDR nicht mehr wollten.» Der Grund war das kaputte System, die Perspektivlosigkeit.

Im Osten, schreibt Köpping, blieb jeder mit seinen Problemen allein.

Bettina Sauer rappelte sich wieder auf. Arbeitslosenhilfe kam nicht infrage. Es gibt immer Arbeit, sagte sie sich. Man muss nur suchen. Sie überlegte: Was mag ich gerne? Sie mochte Fisch. Und bewarb sich bei Rewe, einem grossen deutschen Detailhändler, für die Fischtheke. Tage verbringt sie in der Stadtbibliothek damit, Bücher über Fische, deren Haltung, Lagerung, Zubereitung zu lesen. Wie man Muscheln öffnet. «Ich hatte es wirklich gut an der Theke, bekam 14 Euro die Stunde plus Zuschlägen.» Aber die Kollegen waren böse. Sie fanden sie zu eifrig. Versteckten ihre Schürze, redeten nicht mit ihr, liessen sie immerzu putzen. Sie geht zu ihrem Chef, einem Wessi. Der will ihr Doppelschichten aufbrummen, sagt, sie solle endlich aufhören zu jammern. Und sie kündigt.

Eine neue Arbeit hat sie seither nicht mehr gefunden. Aber das Leben sei so schön. Sie ist gesund, ihre Kinder sind nah. Nur einmal, ganz kurz, habe sie damals gedacht: Vielleicht stimmt es doch, was wir in der Schule über die Westdeutschen gelernt haben: Sie sind herzlose Egoisten.

Die Treuhand

Arbeitslose, Lebenskrisen und Enttäuschungen gibt es überall, hat es auch im Westen immer gegeben. Und es ist auch richtig, dass sich viele Ostdeutsche nie von der Erwartung an den Staat lösen konnten, ihnen Arbeit und Wohnung zu verschaffen, wie es die DDR immer getan hatte. Entsprechend gross ist bei ihnen auch die Wut auf die BRD, von der sie sich im Stich gelassen fühlen. Der wirtschaftliche Niedergang hat im Westen zwar nie mit dieser Härte das ganze Land erwischt, aber auch die Bergbaukumpel im Ruhrgebiet mussten erleben, wie sie zu Tausenden auf der Strasse landeten. Jedoch mit einem gravierenden Unterschied.

Petra Köpping, die Integrationsbeauftragte in Sachsen, nennt diesen in ihrem Buch mit dem bezeichnenden Titel «Integriert doch erst mal uns!». Mit «uns» sind die Ostdeutschen gemeint, und die, schreibt Köpping, hätten eben anders als die Kumpel in Wanne-Eickel nicht das Mitgefühl der Nation bekommen. Keine Würdigungen ihrer Arbeit für das Wirtschaftswunder, für das Land, für die Region, keine Ehrungen durch die Politik, keine Dokus im ARD. Im Osten, schreibt Köpping, blieb jeder mit seinen Problemen allein. «Die Niederlage des Staates wurde im Osten in individuelle Niederlagen umgewandelt.»

Für viele hat diese kollektive individuelle Niederlage einen Namen: die Treuhand. Gegründet wurde diese noch vor der Wiedervereinigung von der letzten Volkskammer der DDR, mit dem Ziel, die staatlichen Unternehmen zu privatisieren und ihre Wettbewerbsfähigkeit zu sichern und sie nur in aussichtslosen Fällen stillzulegen.

Mit der Wiedervereinigung wird die Treuhand de facto zu einer westdeutschen Abwicklungsbehörde des Ostens. Schon der Name, Treuhand, war eine Katastrophe: 1939 gründeten die Nationalsozialisten im besetzten Polen die «Haupttreuhandstelle Ost», mit der Aufgabe, allen polnischen Grund und Boden sowie das Vermögen enteigneter Oppositioneller und Juden zu verwalten, sprich: zu konfiszieren.
So ähnlich, als Konfiszierungsstelle von Volksvermögen, sehen auch deren Opfer die bundesdeutsche Treuhandanstalt. Sie verwaltete das Schicksal von vier Millionen Angestellten in rund 45.000 Betrieben, deren Gesamtwert auf etwa 600 Milliarden Deutsche Mark geschätzt wurde. Sowohl über diese Summe als auch über jede Massnahme der Treuhand kursieren so viele Zweifel und Verschwörungstheorien, dass es fast unmöglich ist, etwas über «die Treuhand» als Ganzes zu sagen. Nur so viel: Es war ein gewaltiges Unterfangen, die Wirtschaft eines gesamten Staates umzukrempeln. Vieles, und das gilt für die meisten Belange der Wende, glückte. Vieles lief unglaublich schief.

Bis Mitte der 90er-Jahre hatte die Treuhand zu 80 Prozent an Westbetriebe verkauft.

1989 war Wolfgang Becker Betriebsdirektor von Union Werkzeugmaschinen in Chemnitz. Die Firma gehörte zum Industriekombinat Fritz Heckert, in dem 4500 Menschen in 21 Betrieben arbeiteten. Die Union-Betriebe, ein zweiter war am Standort Gera, stellten Bohr- und Fräsmaschinen her. Becker, ein älterer Herr, spricht Sätze, als zitiere er aus der Betriebsanleitung einer Drehmaschine. Seine Welt ist ein komplexes, aber erklärbares Gebilde, mit einem Gehäuse, einer Steuerung und Tausenden Einzelteilen, die genau ineinandergreifen. Oder eben nicht.

Die Firma Union, sagt er, war ein gesundes Unternehmen. «Wir hatten einen Absatzanteil NSW von 80 Prozent.» NSW, das «Nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet», also der Westen. Im Gegensatz zum SW, dem Sozialistischen Wirtschaftsgebiet. Ihre Konkurrenten sassen nicht in der DDR oder Polen, sondern in Italien, Spanien und der «BRD-Alt», wie er sie nennt. Als Westexporteur wurden sie in Devisen bezahlt, das gefiel dem Staat, ihre Produkte kamen international an. So sehr brummte der Export, dass Union 1989 einen Kredit über 15 Millionen D-Mark bekam, um Maschinen zu kaufen, aus Italien, der BRD, der Schweiz. Dann kam die Wende. Und die Treuhand.

Ein gutes Geschäft

Sie wandelte das Kombinat und dessen 21 Betriebe in GmbHs um und machte sich daran, das Unternehmen Stück für Stück zu verkaufen. Becker blieb zunächst Betriebsleiter, was keine Selbstverständlichkeit war. Viele Chefs dienten in der Partei und waren bei den Mitarbeitern verhasst. Sie flogen als Erste raus. Becker aber war nie ideologisch, immer ein Techniker. Und er wusste um das Potenzial der Firma. Mit ein paar Mitarbeitern auf der Leitungsebene plante er ein Management-Buy-out und reichte bei der Treuhand eine Kaufanfrage ein. Ihnen wurde mitgeteilt, sie müssten zuzüglich zum Kaufpreis für die Firma die Verbindlichkeiten für die Millionen-Investitionen übernehmen. Weil der Betrag zu einem sehr ungünstigen Kurs von West- in Ostmark und wieder zurück berechnet wurde, überstieg er sogar die 15 Millionen des Ursprungswerts. Sie sagten ab. Den Zuschlag erhielten dann im Oktober 1991 zwei Firmen aus Düsseldorf und Duisburg. Sie zahlten 11,5 Millionen D-Mark für die beiden Union-Betriebe inklusive Betriebsvermögen und Grundbesitz. Die Verbindlichkeiten mussten sie erstaunlicherweise nicht übernehmen.

Die neuen Eigentümer verkündeten grosse Pläne. Alle Ost-Mitarbeiter sollten in Düsseldorf weitergeschult werden, Arbeitsplätze möglichst erhalten bleiben. Als die ersten Mitarbeiter von der Schulung zurückkamen, sagten die, dass Union längst pleite wäre, wenn sie so gearbeitet hätten wie drüben. Dann kam die Ankündigung, zukünftig zentral fertigen zu lassen, in Düsseldorf. Alle neuen Maschinen wurden abgeholt, die Mitarbeiter blieben da. Und das Werk in Chemnitz sollte geschlossen werden. Man bot Becker an, den Betrieb in Gera zu übernehmen. Seine Hauptaufgabe wäre dort gewesen, die meisten Mitarbeiter zu entlassen. Er kündigte.

Was niemand ahnte: Die Westfirmen standen schon vor der Übernahme am Rand der Pleite. Um sich zu sanieren, hatten sie die in Chemnitz abgeholten Maschinen gar nicht erst wieder in Betrieb genommen, sondern direkt verkauft – ein gutes Geschäft, die Maschinen bekamen sie ja quasi geschenkt. Aber auch das rettete sie nicht vor der Insolvenz.

Union bekam einen neuen Besitzer. Der reduzierte die Belegschaft auf ein Viertel, verkaufte alle Grundstücke und auch die älteren Maschinen. Dann ging auch er in Insolvenz. Von Union blieb nur der Name. Dann gelang doch noch ein Management-Buy-out, Becker war wieder Chef des Unternehmens, die verbliebenen Mitarbeiter nahmen Kredite für die Firma auf und kämpften sich wieder an den Markt. Aber warum musste es so weit kommen?

Binnen weniger Jahre wird eine Firma, vom Staat stillschweigend gebilligt, geplündert, bis fast nichts mehr übrig ist. Niemand hat den Hunderten Entlassenen je eine Begründung geben können, warum sie auf der Strasse landeten. Und es war ja nicht nur Union. Dutzenden im Kern gesunden Ostbetrieben erging es so. Und fast immer waren Firmen aus dem Westen beteiligt. Bis Mitte der 90er-Jahre hatte die Treuhand zu 80 Prozent an Westbetriebe verkauft, zu 14 Prozent an ausländische. 6 Prozent blieben in ostdeutscher Hand. Die meisten der gut ausgebildeten Ingenieure fanden bald wieder Arbeit, die Massenarbeitslosigkeit ging. Was blieb, war die Wut.

Chemnitz und «Chemnitz»

Auf dem Trauermarsch vom 1. September hat sich die Wut in Chemnitz erstmals entladen. Anlass des Marsches war der Tod des Deutschkubaners Daniel H., der mutmasslich von Asylbewerbern aus Syrien und dem Irak bei einem Messerangriff getötet wurde. Am Marsch nahmen neben vielen aufgebrachten Chemnitzer Bürgern auch die Parteielite der AfD, rechtsradikale Gruppen und Neonazis teil. Wie der Marsch endete, mit Hitlergrüssen, Angriffen auf Ausländer und randalierenden Extremisten, war wochenlang das Thema der deutschsprachigen und internationalen Nachrichten. «Chemnitz» wurde zur Chiffre des Fremdenhasses, zum Schlagwort ostdeutscher Demokratiefeindlichkeit, und die Diskussion, ob es zu «Hetzjagden» auf Ausländer gekommen sei, stürzte die Regierung unter Angela Merkel in ihre schwerste Krise.
Gibt es einen Zusammenhang zwischen Trauer und Terror, zwischen Merkel und Mauerfall, zwischen Chemnitz und «Chemnitz»?

imageWar wochenland ein Thema in den Medien: Der Marsch vom 1. September in Chemnitz. Foto: Reuters

Am Morgen des 26. August dreht der Rentner Winfried Wenzel wie an vielen Sonntagen mit dem Velo eine Runde durch die Stadt. Da entdeckt er auf dem breiten Trottoir vor einer Sparkassenfiliale zwei Blutflecken, einen grossen und einen kleinen. Ein Feuerwehrmann steht in der Nähe, und der erzählt ihm, hier sei ein Mann niedergestochen worden. Die Polizei war da, die Spuren wurden gesichert, nur die Blutflecken blieben. Wenzel radelt nach Hause und sucht alle Kerzen zusammen, die er finden kann – wo ein Mensch gestorben ist, dort solle man seiner gedenken. Er stellt die Kerzen auf die beiden Flecken, und weil etwas fehlt, bricht er noch drei Rosen von einem öffentlichen Beet.

Am selben Abend ist das Trottoir von einem Blumen- und Kerzenmeer übersät. Gerüchte machen die Runde, Asylbewerber hätten hier einen Deutschen ermordet, die sozialen Netzwerke laufen mit Kommentaren heiss. Auch Wenzel ist ein meinungsfreudiger Mensch. Er engagiert sich bei Pro Chemnitz, einer Bewegung, die ein Ende der Merkel’schen Migrationspolitik fordert und die rasche Abschiebung abgelehnter und krimineller Asylbewerber. Er zieht eine direkte Verbindung zwischen Willkommenspolitik und Wende: «Die Unterschiede zwischen West und Ost, nicht nur die materiellen, sind so riesig. Und dann gibt man 38 Milliarden für Flüchtlinge aus, anstatt das Niveau im eigenen Land erst mal anzugleichen.»

imageEin Blumen- und Kerzenmeer: Der Tatort in Chemnitz, aufgenommen am 31. August 2018. Foto: Reuters

Freundlich und herausfordernd blickt er über den Tisch in der Sitzecke seiner Chemnitzer Eigentumswohnung. Auf der Schrankwand röhren zwei Porzellanhirsche. Er mag Widerspruch. «Wenzel ist neugierig», stand in seiner Stasi-Akte. Er interessiert sich sogar für die Grünen. «Keine schlechte Partei», sagt er. «Für junge Leute in der Grossstadt mit Geld.» Er geniesst es zu sagen, was er denkt, und hält das für ein Privileg seines Rentnerdaseins. Wer «Sieg Heil» ruft, gehöre bestraft. «Wer aber öffentlich sagt, er will, dass möglichst viele Asylbewerber abgeschoben werden, der kann seine Karriere vergessen.» Wäre er noch Angestellter, müsste er die Klappe halten. Das kenne er noch aus der DDR.

Wenzel war Ingenieur, Spezialist für Rohrleitungen in Industrieanlagen. Er mag die Physik, weil ihre Gesetze überall gelten. Er sagt: «Wenn mir jemand etwas von Regeln erzählt, frage ich immer: Ist es ein Naturgesetz oder eines, das Menschen gemacht haben?» Das Asylrecht jedenfalls sei kein Naturgesetz. Es helfe auch niemandem, erst recht nicht den Asylbewerbern. Ihre Situation kann er nachvollziehen. Als er nach der Wende zu einer Mitarbeiterschulung in die neue Mutterfirma nach Frankfurt kam, standen Menschen am Bahnhof und schenkten den ankommenden Ossis Bananen. Aber die gut gemeinten Willkommensgesten währten nicht lang. Schon bald hätten die Wessis, die um ihre Arbeitsplätze fürchteten, den Ossis signalisiert, sie sollen wieder abhauen nach drüben.

Wenzel ist empfindlich, wenn es um Rechte geht; als ehemaliger DDR-Bürger wurden sie ihm zu oft verwehrt. Wenn er jahrelang Anträge stellte, um seine Eltern besuchen zu dürfen, die in der BRD lebten. Und bei den Ablehnungen nie eine Begründung erhielt. Wenn er zwanzig Jahre auf einen Telefonanschluss wartete und auf Nachfragen hörte: Wir haben vier Dringlichkeitsstufen, Sie sind auf der untersten, und von der kommen Sie auch nie wieder weg. Oder andersherum, wenn er auf seinen Wartburg nicht wie alle anderen 16 Jahre warten musste, sondern nur drei Wochen, weil die Eltern den Betrag dafür, 10.500 D-Mark, über eine Schweizer Mittelsfirma zahlten. Er konnte sich sogar die Farbe aussuchen. Der Staat verfuhr nach Willkür, war käuflich und ungerecht. Wenzel verachtete ihn.

Wie Ostdeutsche von Westdeutschen behandelt werden, das sei eigentlich Rassismus.

Mit 26 Jahren, am letzten Tag, an dem dies möglich war, wurde er noch von der Armee zum Wehrdienst eingezogen. Er hatte sein Studium hinter sich, bereits zu arbeiten begonnen, es war reine Schikane. 18 Monate wurde er kaserniert, aber immerhin, er hatte als Soldat Rentenansprüche. Doch die BRD erkannte diese nicht an. «Wie kann das sein? Wer im Westen bei der Bundeswehr gedient hat, bekommt Rente, sogar Wehrmachtssoldaten und selbst Angehörige der Waffen-SS bekamen Rente. Aber wir nicht.»

Der Geist von 89

Wir, damit meint Wenzel die Ostdeutschen. Schon die Bezeichnung, «Ostdeutsche» bringt ihn in Rage. «Als gäbe es Deutschland, also die BRD, und dann noch ein minderwertiges Anhängsel, Ostdeutschland.» Ulrich Mühe, der mit «Das Leben der Anderen» einen Oscar erhielt, habe 2006 in einem Interview gesagt, wie Ostdeutsche von Westdeutschen behandelt werden, das sei eigentlich Rassismus. Nun aber gälten sie, die Ostdeutschen, als die Rassisten. Weil sie sich trauten, gegen die Politik einer Regierung auf die Strasse zu gehen, die sich für sie nie interessierte, würden sie nun in den grossen, also westdeutschen Medien pauschal abgestempelt.

Demonstranten in Dresden oder Chemnitz heissen Rassisten oder Nazis, die sich nicht versammeln, sondern «zusammenrotten». Überhaupt treffe sich bei jeder Versammlung ein «Mob» oder gleich das «Pack», wie der frühere Aussenminister Sigmar Gabriel die Pegida-Demonstranten nannte.

Ihn erinnert diese Sprache an die letzten Tage der Honecker-Regierung. Wenzel entschuldigt sich für einen Moment, verlässt den Raum, sucht etwas und kommt kurz darauf mit einer Ausgabe des «Neuen Deutschland» zurück, dem Parteiorgan der SED. Die Zeitung ist vom 9. Oktober 1989. Er zeigt auf eine kurze Meldung, in der es um die Demonstranten geht, die seit einigen Wochen für mehr Freiheiten auf die Strasse gehen. In dem Artikel werden «Randalierer» beklagt, die sich zusammenrotteten, um den sozialen Frieden zu stören. So wie das Honecker-Regime, sagt Wenzel, wisse sich nun auch die Merkel-Regierung nicht mehr anders zu helfen, als das Volk, zu dem es längst den Kontakt verloren hat, nur noch zu beschimpfen. Als hätten die Ostdeutschen nicht schon genug eingesteckt.

Wenzel spricht aus, was viele in den neuen Bundesländern denken und hoffen: dass nach 30 Jahren der Osten wieder gegen eine Führung aufsteht, die die Bürger nicht ernst nimmt; dass der Geist von 89 in der Luft liegt, der Geruch der Revolution, den der Westen so sehr fürchtet, weil er viel mehr zu verlieren hat als der Osten, der Umsturz und Verlust gut kennt. Und dass sie mit dem Protest vieles schon erreicht hätten: Merkel, die Ostdeutsche, die zum Inbegriff des arroganten Westdeutschen wurde, ist vom CDU-Vorsitz zurückgetreten. Doch das soll nur der Anfang sein.

Man möge ihn nicht falsch verstehen. Eigentlich sei nach der Wende alles ganz gut geworden. Bis zu seiner Pensionierung hat Wenzel gut verdient, er und seine Frau konnten sich auch noch die Nachbarwohnung kaufen. Sie vermieten sie oft an Ausländer. Einmal lebte ein kolumbianisches Paar bei ihnen, sehr nett, beide Ingenieure. Eines Tages sagten sie, sie müssten leider kündigen. Denn sie würden nun in den Westen umziehen. Ins richtige Deutschland.

(Das Magazin)

Erstellt: 10.11.2018, 16:17 Uhr