Schlaflose Journalisten und Aufregung um Messis Frau

Die Erzfeinde Boca Juniors und River Plate treffen im Copa-Libertadores-Final aufeinander. Die Hysterie ist gross, die Angst ebenso. Denn nirgends ist Fussballrivalität brutaler.

Er weiss genau, was ihm und seinen Teamkollegen blüht. Soeben hat er mit Boca Juniors aus Buenos Aires im Halbfinal der Copa Libertadores, dem südamerikanischen Pendant zur Champions League, Palmeiras aus Brasilien besiegt und somit den Final gegen Stadtrivale River Plate erreicht. Also sagt Ramon Abila, Stürmer des 33-fachen argentinischen Meisters: «Die Journalisten in Argentinien werden täglich früh aufstehen, um die Aufstellungen und andere Sachen zu erfinden.»

Und tatsächlich: Noch in jener Nacht kreierte «Olé», das grösste Sportblatt des Landes, eine Rubrik mit dem Titel «Historischer Final» und dem Zusatz: «Wir schlafen nicht – 24 Stunden superklassische Infos». Seit zwei Wochen wird darüber spekuliert, welche 22 Spieler zum Zug kommen könnten. Die Zeitung glaubt, die Taktiken zu kennen und zu wissen, welche Prominenten vor Ort sein werden an diesem Samstag und am 24. November (Anpfiff jeweils um 21 Uhr MEZ).


Video: Gänsehaut-Stimmung im Boca-Stadion


Es heisst, die legendäre Bombonera vibriert nicht, sie pocht. So singen und beleidigen die Boca-Fans. Video: Tamedia/Youtube


Boca Juniors gegen River Plate, das ist kein normaler Final. Es ist ein Duell mit langer, leidenschaftlicher und auch brutaler Vorgeschichte. Für Abila ist dieser Final «eines der wichtigsten Spiele der Fussballgeschichte». Der argentinische Sänger Andrés Calamaro attestiert der Partie die gleiche geschichtliche Relevanz «wie der Untergang der Titanic». So viel zur Dimension.

Aufregung für Frau Messi

Die Hysterie um das Derby, den Superclasico, bekam auch Lionel Messis Frau, Antonella Roccuzzo, zu spüren. Auf Instagram veröffentlichte sie ein Foto ihres Sohnes Thiago, der liegt und in der Hand ein Fläschchen hält. Auf seiner Schulter zu sehen sind drei weisse Streifen auf rotem Grund. Sofort entstand eine hitzige Debatte, ob es sich um ein River-Shirt handle. Ist der Messi-Filius, dessen Vater mit keinem der Vereine etwas zu tun hat, sondern als Kind bei Newell’s Old Boys in Rosario spielte, tatsächlich Anhänger der Rotweissen? Tausende Kommentare später sah sich Roccuzzo gezwungen, etwas gegen die Aufregung zu unternehmen. Sie postete ein Bild ihres Buben, der dasselbe Leibchen trägt, diesmal aber nicht liegt, sondern steht. Dazu schrieb sie: «Seht ihr: ein ganz normales, rotes Shirt.»

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Aca tranqui, tomando algo???? ??????????

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Boca Juniors gilt als Arbeiterverein und River Plate als die «millionarios». Dabei stammen beide aus dem ärmlichen Hafenviertel La Boca. Sogar die Vereinsfarben waren dieselben: Rot-Weiss. 1907 soll es zum ultimativen Spiel um die Vereinsfarben gekommen sein. River gewann. Also musste sich Boca nach einer Alternative umschauen, und die fand sie am Hafen. Der Legende zufolge sollen die Verantwortlichen beschlossen haben, die Farben des nächsten einlaufenden Schiffs zu übernehmen. Es kam aus Schweden, Bocas neue Farbkombination Blau-Gelb war geboren.

Superclasico ohne Gästefans

River hingegen zog in den 20er-Jahren in den wohlhabenden Stadtteil Nuñez. Fortan galten sie als die Millionäre – aus Rivalität wurde zunehmend Hass. In 87 Jahren argentinischem Profifussball sollen über 170 Menschen durch Ausschreitungen umgekommen sein – viele davon rund um den Superclasico. Die Duelle finden aus Sicherheitsgründen längst ohne Gästefans statt.


Video: So verhöhnen die River-Fans den Erzrivalen


Eine besungene Obsession und die Hommage an eine gewonnene Schlägerei: Auch die River-Fans sind für leidenschaftliche Fansongs bekannt. Video: Tamedia/Youtube


Zum ersten Mal in der 58-jährigen Geschichte der Copa Libertadores stehen sich zwei argentinische Vereine im Final gegenüber. Klar, dass da der nationale Verband niemandem im Weg stehen will. Für die Länderspiele gegen Mexiko, die zwischen den beiden Finals stattfinden, wurden deshalb alle Nationalspieler der beiden Teams freigestellt.

Letztmals kam es in diesem Wettbewerb im Achtelfinal 2015 zum Duell. Nach Rivers 1:0-Heimsieg im Hinspiel musste das Rückspiel beim Stand von 0:0 abgebrochen werden, weil Gästespieler mit Tränengas attackiert worden waren – die Partie wurde 0:3-Forfait gewertet.

Nun begegnen sich die Erzfeinde im Final um den wichtigsten Titel des Kontinents. Hass auf höchster Stufe. Boca-Mittelfeldspieler Pablo Perez sagt: «Der Verlierer wird einiges aushalten müssen.» Und was bekommt der Sieger? «Ewigen Ruhm.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.11.2018, 16:06 Uhr