Lucien Favre, der Fußball-Ökonom

Als dann im 16. Pflichtspiel der Saison die erste Niederlage im Koffer aus Madrid verstaut war, sah man eine Dortmunder Entourage, der anzusehen war, dass die Niederlage am Dienstag noch nicht mal einen Phantomschmerz nach sich gezogen hatte. Ganz im Gegenteil. Sie sahen fast froh aus, vor dem Superhit am Samstagabend daheim gegen den FC Bayern bloß die Bundesliga-Tabellenführung und nicht noch eine Siegesserie verteidigen zu müssen.

Nur einer musste ein bisschen länger am 0:2 bei Atletico knabbern: Lucien Favre, gerade 61 geworden. Der Monsieur, der selbst an seinem Geburtstag nur stilles Wasser trinkt und als ausgemachter Perfektionist gilt, nörgelte ein bisschen herum in seinem noch immer nur rudimentär grammatikalisch astreinen Deutsch, aber bald hatte sich der frankophile Schweizer dann doch wieder eingekriegt. Er hatte ja jetzt wunderbares Anschauungsmaterial für seine Männer, um ihnen zu zeigen, wie es besser geht. Favre gilt als Maniac, der dem Videostudium endlose Stunden zu widmen pflegt, ohne dass ihm jemals langweilig geworden wäre.

Reus: „Der beste Trainer, den ich je hatte“

Ehe er im Sommer in Dortmund anfing, hatte die Borussia den Neustart ausgerufen. Favre als Trainer, Matthias Sammer als externer Berater, Sebastian Kehl als Teammanager, dazu neue Spieler für 90 Millionen Euro, die vor allem Widerstandsfähigkeit in eine Truppe bringen sollten, die schon bei Gegenwindstärke eins zu oft die Segel hatte streichen müssen. Zur Begrüßung sagte der aus Nizza abgeworbene Neue den ungeduldigen Reportern: „Lassen Sie uns bitte Zeit!“ Aber daran hielt er sich dann selber nicht. Somit ist der BVB Erster, sensibel orchestriert von Lucien Favre, dem Bessermacher. 

„Fachlich und menschlich“, sagt Kapitän Marco Reus, der schon in Mönchengladbach unter dem Meister trainierte und es also wissen muss, sei Favre „der beste Trainer, den ich je hatte“. Der Offensivmann erklärt: „Er zeigt dir, wie du verteidigen sollst, wo du richtig stehst, welchen Fuß des Mitspielers du anspielen musst.“ Und er habe auch taktisch „immer die richtigen Lösungen parat“. 

Wo Favre – einst von Dieter Hoeneß in die Bundesliga gelotst und anfangs des Deutschen noch nicht einmal bruchstückhaft mächtig – coachte, stieg die Ausbeute: Er bugsierte Hertha BSC (1,48 Zähler im Schnitt), Borussia Mönchengladbach (1,64), OGC Nizza (1,65 Punkte) und nun den BVB (2,4) in die Spitzengruppe ihrer Ligen, auch, indem er seinen Spielern bis an die Grenzen des Erträglichen (und irgendwann darüber hinaus) den lästigen, aber bedeutsamen Kleinkram des Fußballs lehrte. 

Der ehemalige Gladbacher Thorben Marx gewährte vor geraumer Zeit in einem bemerkenswert offenen Interview tiefe Einblicke in die Arbeit seines einstigen Vorgesetzten: „Er ist sehr, sehr speziell. Er hat schon Defizite im Umgang mit Leuten und in der Kommunikation. Er ist ein Trainer, der kritischen Vier-Augen-Gesprächen gerne aus dem Weg geht.“ Favre schaffe es jedoch, „einer Mannschaft schnell seinen Stempel aufzudrücken“, er könne „seine Vorstellungen sehr gut vermitteln“. Aber das sei furchtbar anstrengend. „Du hörst über Jahre jeden Tag die gleichen Sachen. Irgendwann kommt ein Punkt, an dem du sagst: ,Ich kann das nicht mehr hören.‘“ 

Favre ist nicht der Typ, der eine Mannschaft, die er zu verlieren droht, mit Brachialrhetorik oder Motivationsakrobatik wieder einfängt. Vielleicht erklärt das, weshalb er in Berlin, Mönchengladbach und Nizza am Ende weniger solide punktete als zu Beginn. In Dortmund ist Favre noch ziemlich am Anfang, er moderiert das Ensemble instinktsicher. Die Spieler glauben ihm, dass sein Plan funktioniert. Solange der Erfolg da ist, nehmen sie die Anstrengungen in Kauf.

30 Treffer in zehn Bundesligaspielen hat der BVB bereits erzielt, die Tiefenläufe mitsamt Passfolgen sind im Training von Favre fein justiert worden, Überfallfußball, vor allem über Reus, Jadon Sancho, Jacob Bruun Larsen, Christian Pulisic oder anfangs noch den Ex-Frankfurter Marius Wolf, und längere, meist von Toptransfer Axel Witsel bestimmte Ballbesitzzeiten finden bei ihm eine stimmige Mischung. Die Absicherung nach hinten ist bei Favre ebenfalls Gegenstand längerer, häufig anspruchsvoller Übungsformen in seinen bis zu zweistündigen Trainingseinheiten. 

Wiewohl der passionierte Pedant mitunter so trocken spreche, „dass man beim Zuhören Durst bekommt“, wie das Fachblatt „Kicker“ ungewohnt blumig beschreibt, fühle sich Favre in Dortmund offenbar „wie ein Fisch im Wasser“. Fast großväterlich gewährt er jedem Mitarbeiter einen freundlichen Augenblick, nur auf Pressekonferenzen wirkt der Fußballsachverständige nach wie vor unsicher, die Sprachbarriere hängt zwar inzwischen niedriger, ist aber geblieben. 

„Ein Trainer mit Alleinstellungsmerkmal“

Die Entwicklung der üppigen hiesigen Medienlandschaft hin zum Boulevardesken goutiert Favre mit Naserümpfen, in Frankreich hatte er es auf diesem Feld leichter, was der ihm mächtigen Sprache und der Abwesenheit von bunten Blättern und der geringeren öffentlichen Aufmerksamkeit des Profifußballs geschuldet gewesen sein mag. In der Ligue   1 hat der mitunter merkwürdig zerstreut wirkende Fußball-Professor öffentliche Auftritte manchmal gar genossen, davon kann in Dortmund trotz anhaltender Erfolge nur in Ausnahmefällen die Rede sein. 

Favres Didaktik hat dazu geführt, dass seine Mannschaften zu stabilen Überperformern in der Ökonomie der Chancenverwertung und Vereitelung gehören. Fachautor Christoph Biermann hat das ins einem jüngsten Fußballbuch „Matchplan“ beschrieben. Dort ist Favre ein eigenes Kapitel gewidmet. Der sei ein „Trainer mit Alleinstellungsmerkmal“, der „Mannschaften schlichtweg besser macht“, hat Biermann herausgefunden. Die Langzeit-Statistik zeigt: Favre-Teams blocken einerseits auffällig mehr Schüsse der Gegner, andererseits sind sie bei eigenen Schussversuchen überdurchschnittlich oft erfolgreich, Biermann erklärt das als „Ergebnis einer Fülle von auf den Gegner abgestimmten Spielplänen“.

Will heißen: Beim Fachmann Favre, dessen aktive Karriere als Spielmacher durch ein Foulspiel frühzeitig beendet wurde, handelt es sich um nicht weniger als ein Genie auf seinem Fachgebiet. Der FC Bayern soll das heute Abend unangenehm zu spüren bekommen. Die Spielidee hat der Taktiktüftler schon mal viel schlichter ausgegeben, als es seine Profis zu verstehen bekommen: „Intelligent verteidigen und intelligent angreifen.“