Leverkusener Jazztage: Wincent Weiss verzaubert Publikum zum Auftakt

Leverkusen –

Ja, natürlich: Man könnte mal wieder anfangen mit dem Diskutieren. Mit dem Diskutieren darüber, ob das noch Jazz ist. Und was so einer wie dieser 25-jährige Wincent Weiss bei diesem international renommierten Jazzfestival zu suchen hat. Schließlich spielt der ja nur Pop – und das nicht mal mit einem klitzekleinen Pseudo-Ausreißer in Genres wie Soul oder Funk, die dem Jazz ja zumindest ein kleines bisschen nahestehen.

Ersten Fans warteten zwölf Stunden vor Konzertbeginn

Und dann darf der Typ im weißen Shirt und der schwarzen, eng anliegenden Skinny-Jeans – so heißt das ja heutzutage – auch noch den Auftakt des Festivals bestreiten. Da lockt er dann zig junge Mädchen an, von denen die Mehrzahl schon zwölf Stunden vor dem ersten Ton am Eingang Aufstellung bezieht – um am Ende nämlich, wenn es losgeht mit dem Song „Weck’ mich nicht auf“, in der ersten Reihe zu stehen. Schließlich ist man da am nächsten dran und hat freie Smartphone-Kamera-Bahn auf den smarten Sänger, der durch ein seltsames Kuddelmuddel von „Deutschland sucht den Superstar“ und steil gehende Internetclips bekannt wurde.

Jazztage-Auftakt: Junges Publikum und Seligkeit in der ersten Reihe.
Jazztage-Auftakt: Junges Publikum und Seligkeit in der ersten Reihe.Foto:Britta Berg

Erste-Reihe-Steher sind zum Beispiel Daniela aus Olpe, Alica aus Bonn sowie Lidia und Paula aus Wermelskirchen, die eine Gang aus Konzerthinterherreisenden sind und laut Daniela schon bei über 20 Auftritten waren. „Wenn er in einer Stadt spielt, die wir mit dem Auto in zwei bis drei Stunden erreichen können, sind wir da“, sagt die junge Studentin. Leverkusen passte da ins Raster.

Um nicht irgendwann mal am langen Tag des Wartens vor dem Wincent-Weiss-Knall umzufallen, gehen Schokolade, Chips und Gummibärchen vor dem Forum rum. Und als Einlass ist, wird sich konsequent gut erzogen in Zweierreihen aufgestellt, was einen der Kartenabreißer vom veranstaltenden „Jazztage e.V.“ zur Feststellung veranlasst: „So eine Disziplin kennen wir noch nicht einmal von vielen unserer erwachsenen Besucher.“

Lautes Gekreische

Und als es dann losgeht, wird recht laut gekreischt und springt Wincent Weiss zum zweiten Stück, „Mittendrin“, gleich mal von der Bühne herunter und singt inmitten des Publikums stehend. Später fliegen dann riesige Luftballons in die Menge. Als sie platzen, rieseln Unmengen von weißem – wincentweissem – Konfetti durch die Luft. Der Boden sieht nach dem Auftritt wie eine Schneelandschaft aus. Es werden Wellen- und Winkespielchen mit den Taschenlampen-Funktionen der Fan-Handys initiiert. Wincent Weiss singt zu einem Bass, der viel, viel zu laut und heftig dröhnt und ballert und doch irgendwie wohlig durch Mark und Bein geht von Liebe und Sehnsucht und noch mal Liebe.

Und als dann nach knapp zwei Stunden die Lichter wieder angehen und Kinder und Enkel von Eltern und Großeltern abgeholt werden, kann man sich die Frage nach dem Jazz-Gehalt natürlich immer noch stellen. Aber man kann ebenso gut auch einfach mal anerkennen, was für eine wunderbare, zu Herzen gehende Show das vor knapp 1800 Menschen war. Was für wundervoll leidenschaftliche Musikfans da mit einem Heidenspaß für eine tolle Atmosphäre gesorgt haben. Was für ein würdiger Rahmen das für den Auftakt dieses Festivals war, das wegen genau solchen Konzerten auch überlebt.

Und man kann auch mal festhalten: Durch Typen wie Wincent Weiss werden junge Menschen an die Musik herangeführt. Vielleicht auch mal irgendwann an den Jazz. Und das ist gut. Sogar sehr gut.