Lega-Plan: Tempo 150 auf Italiens Autobahnen

Die Regierungspartei will das Höchsttempo heraufsetzen. «Dann fahren wir 170», heisst es in einer Reaktion.

Italiens Autobahnen gehören bekanntlich zu den teuersten der Welt, nun soll man auf ihnen dafür auch so schnell fahren dürfen wie sonst fast nirgendwo auf der Welt. Zumindest, wenn es nach dem Willen von Alessandro Morelli geht, dem Präsidenten der Verkehrskommission im italienischen Parlament. Morelli plant, die Höchstgeschwindigkeit auf sechsspurigen, elektronisch überwachten und mit einem speziellen Anti-Aquaplaning-Belag versehenen Autobahnabschnitten auf 150 Stundenkilometer zu erhöhen. Der Verkehr würde flüssiger, die Reisezeiten kürzer, die Bewegungsfreiheit grösser, begründet der Mailänder Lega-Politiker und Vertraute des umstrittenen Innenministers Matteo Salvini seinen Vorstoss.

Das Handy ist gefährlicher

Bedenken, dass die Erhöhung der Höchstgeschwindigkeit ein Sicherheitsrisiko darstelle, treiben Morelli nicht um. «Die Fahrzeuge sind heute mit hochentwickelten Sicherheitssystemen ausgestattet», zitiert ihn die Zeitung «Corriere della Sera». Die geltende Höchstgeschwindigkeit von 130 Stundenkilometern sei «unnötigerweise streng» und «ein Kind vergangener Zeiten». Das wahre Problem ist laut Morelli heutzutage die Ablenkung während des Fahrens, was wiederum in 90 Prozent der Fälle mit dem Gebrauch des Handys zusammenhänge. «Ich als Motorradfahrer muss jeden Tag einen Automobilisten zum Teufel wünschen, weil er am Steuer seltsame Manöver macht und dabei das Handy in der Hand hält.»

Tempolimiten auf Europas Autobahnen:
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In der Verkehrskommission hätten ihm alle zugestimmt, und auch aus der Bevölkerung sei ihm Begeisterung entgegengebrandet, betont Morelli. «Kürzlich haben mich in einem Restaurant die Gäste des Nebentisches angespornt, obwohl ich sie nicht einmal kannte.»

«Dann fahren wir 170»

Die Einzigen, die sich Morelli zufolge nicht sehr enthusiastisch gezeigt haben, sind Politiker des Koalitionspartners Movimento 5 Stelle. Neben der Migrationspolitik, dem Haushaltsbudget, der Amnestie für Steuersünder und dem Bau von Hochgeschwindigkeitszügen könnte also bald ein weiteres Thema die Regierungskoalition zwischen Rechts- und Linkspopulisten entzweien. Die 5 Stelle befürchten, man werde danach zahlreiche Unfälle den höheren Geschwindigkeitslimiten anlasten. Ausserdem ist Morellis Anliegen mit dem ökologischen Gewissen der 5 Stelle nur schwer vereinbar.

Eigentlich erlaubt es das italienische Gesetz bereits jetzt, auf bestimmten Autobahnabschnitten Tempo 150 zuzulassen, doch hat sich bisher keiner der privaten Autobahnbetreiber dazu entschlossen. In Internetforen stösst Morellis Vorschlag keineswegs auf ungeteilte Zustimmung. «Zuerst die Ablenkung bekämpfen, dann das Tempolimit erhöhen, sonst haben wir genau gleich viele unaufmerksame Autofahrer, aber bei höherer Geschwindigkeit. Wo bleibt da die Sicherheit?», fragt ein Kommentator. Und ein zweiter gibt zu bedenken, dass viele Italiener ohnehin immer 20 Stundenkilometer zu schnell unterwegs sind. «Dank Morelli fahren wir bald 170.»
(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.11.2018, 20:28 Uhr