FCB-Spieler Taulant Xhaka im Interview: «Früher fehlte mir der Fokus»

Taulant Xhaka, Sie hätten die Saison als Rechtsverteidiger angefangen, spielten nach Ihrer Verletzung auf der Sechs und zuletzt in der Innenverteidigung. Als was fühlen Sie sich?

Taulant Xhaka: Am ehesten als Mittelfeldspieler. Das zentral defensive Mittelfeld ist klar meine Lieblingsposition. Aber die Innenverteidigung hat auch ihre Vorteile.

Welche denn?

Du musst nicht so viel rennen wie im Mittelfeld (lacht)! Nein, im Ernst: Ich fühle mich auch eine Reihe weiter hinten wohl. Die Umstellung ist nicht so gross, wie man vielleicht denken mag. Es ist immer noch eine zentrale Position. Du hast als Innenverteidiger den Vorteil, das ganze Spiel vor dir zu haben und somit die Mannschaft dirigieren zu können. Ausserdem kannst du einfacher spielen, einen schlichten Aufbau pflegen. Im Mittelfeld hast du stets Druck von allen Seiten und das Wissen, dass dein Ballverlust einen Konter auslösen könnte.

Wie ist es dazu gekommen?

Mit Eder Balanta stünde ein etatmässiger, zweiter Innenverteidiger neben Eray Cömert zur Verfügung. Der Trainer hat mich gefragt, ob ich diese Position schon einmal gespielt habe, und ich erzählte ihm, dass ich das unter Paulo Sousa öfters getan habe. Da war mir klar, dass das für ihn eine Überlegung ist, mich zurückzuziehen.

Ihr Ex-Trainer, Raphael Wicky, hat erst Ihr Einverständnis eingeholt, bevor er Sie zum temporären Rechtsverteidiger hatte umfunktionieren wollen. Hat Marcel Koller ebenfalls das Gespräch gesucht?

Ja, er hat mich gefragt, ob es für mich okay wäre, und ich habe Ja gesagt. Gegen Xamax hat er mich dann ein erstes Mal dort eingesetzt und war offenbar so zufrieden, dass er mich seither in der Innenverteidigung belassen hat. Ich fühle mich ebenfalls gut dort. Und sollte der Trainer mich noch weiter dort einsetzen wollen, wäre das für mich kein Problem.

Sie und Cömert bilden die kleinste Innenverteidigung der Liga.

Wenn das Stellungsspiel und das Timing stimmen, ist das egal. Gegen Xamax war der Stürmer auch zwei Köpfe grösser als ich, und dennoch habe ich 80 Prozent aller Zweikämpfe für mich entschieden. Denken Sie nur an Fabio Cannavaro. Der war auch nur 1,75 Meter gross und wurde gar Weltfussballer.

Sie sind seit Beginn Ihrer Karriere sehr polyvalent. Glauben Sie, dass diese Vielseitigkeit dazu geführt hat, dass jeder Trainer auf Sie setzt?

Das kann gut möglich sein. Aber viel mehr denke ich, dass es die Trainer schätzen, dass ich immer 100 Prozent gebe. Egal ob im Training oder im Spiel.

Wenn man stets auf anderen Positionen zum Einsatz kommt, kann man weniger an Details arbeiten. Kann Polyvalenz auch zum Nachteil verkommen?

Das glaube ich nicht. Ich sehe es eher als Vorteil. Keiner kann alle Saison-Spiele absolvieren. Diese Absenzen müssen kompensiert werden. Da ich viele Positionen bekleiden kann, kann ich folglich auch fast überall aushelfen und somit auch fast immer spielen.

Zu Beginn der Saison mussten Sie des Öfteren auf der Bank Platz nehmen oder sich mit Kurzeinsätzen begnügen. Mussten Sie den Trainer erst von sich überzeugen?

Bei unseren Gesprächen habe ich von Beginn an gespürt, dass er mir irgendwann das Vertrauen schenken wird. Aber ich bin von einer Verletzung zurückgekommen, hatte mir das Innenband gerissen und war sechs Wochen out. Kaum war ich zurück, habe ich mich wieder verletzt. Das war mein Fehler. Wir hatten zwei Wochen Ferien und danach bin ich direkt wieder sehr motiviert ins Mannschaftstraining eingestiegen, anstatt es langsam anzugehen. Wenigstens habe ich etwas daraus gelernt.

Der Innenbandriss war die erste grössere Verletzung Ihrer Karriere. Wie sind Sie damit umgegangen?

Es war ein neues Gefühl für mich. Normalerweise ist es so, dass eher die anderen Schmerzen haben, wenn sie mit mir in einen Zweikampf gehen, und nicht umgekehrt. Im Moment, als ich mir die Verletzung zugezogen habe, hoffte ich, dass es nicht das Kreuzband ist. Ich hatte wirklich Angst, dass es kaputt sein könnte. Als die Diagnose dann kam und klar war, dass es «nur» ein Innenbandriss ist, habe ich es locker genommen.

Sie sind nie in ein Tief geraten?

Nein, weil ich weiss, dass Verletzungen zu unserem Beruf dazugehören. Ich habe viel mit unseren Physios gearbeitet, war in Deutschland bei einem Spezialisten und habe Dinge mit meiner Familie unternommen, um mich abzulenken. Ich bin sowieso kein Typ, der sich über solche Dinge zu viele Gedanken macht. Auch wenn ich auf der Bank sitze, hinterfrage ich nicht gleich alles.

Mussten Sie lernen, solche Dinge mit dieser Lockerheit anzugehen?

Natürlich, aber das kommt automatisch mit dem Alter. Eingesetzt hat dieser Prozess, als ich die eineinhalb Jahre bei GC war. Dort habe ich die Erfahrung gesammelt, mal spielen zu dürfen und mal auf der Bank sitzen zu müssen. Als ich noch jünger war, 21 Jahre beispielsweise wie Albian Ajeti, habe ich auf solche Dinge extremer reagiert.

Sie sprechen, als wären Sie schon alt.

Ich werde nächstes Jahr schliesslich 28.

Was ist denn beim 28-jährigen Taulant Xhaka noch übrig vom 21-jährigen Taulant Xhaka? Von diesem chaotischen, wilden Lausbuben?

Ich bin immer noch ein Lausbube, das wird nie ganz weggehen. Aber du musst wissen, wann du einen Spass machen kannst und wann du ernst sein musst. Früher war es meistens so, dass ich Spässe gemacht habe und deshalb auf dem Feld oder im Training nicht den nötigen Fokus hatte. Heute aber weiss ich, wie ich damit umgehen muss. Dahingehend haben mir ehemalige Mitspieler wie Marco Streller, Benni Huggel und Alex Frei sehr geholfen.

Marco Streller, mittlerweile FCB-Sportchef, fordert, dass Sie die Mannschaft führen und lauter sind.

Das ist so. Marco schreibt mir ab und zu auch, wenn er das Gefühl hat, dass die Mannschaft nicht so fokussiert ist und er von mir will, dass ich das Team an der Hand nehme und ich versuchen soll, die Mannschaft zusammenzurücken und ihr positive Energie zu geben.

Wie setzen Sie das um?

Indem ich im Training lauter werde – oder ruhiger. Je nachdem, was die Situation verlangt. Wenn ich mal gar keine Spässe mache, dann spüren alle, was los ist, und ziehen mit. Oder man begeht in einem Match ein Foul – kein böses –, aber einfach eines, das ein Zeichen setzt und vermittelt, dass wir da sind. Dem Gegner, aber auch den Kollegen und den Fans.

Suchen die Jungen Rat bei Ihnen?

Ich glaube schon. Zu den jüngeren Spielern wie Albian Ajeti, Raoul Petretta, Blas Riveros oder Dimitri Oberlin pflege ich ein gutes Verhältnis. Es ist dann nicht so, dass wir uns hinsetzen und ganz seriöse Gespräche führen. Das geschieht alles auf lockerer Basis. Aber sie nehmen alles, was ich ihnen sage, extrem gut auf und setzen es auch gut um. Ich will einfach, dass gerade jene Spieler, die nicht in Basel geboren sind, verstehen, was es bedeutet, für diesen Klub zu spielen.

Was bedeutet es denn?

Albian zum Beispiel, der ebenfalls hier aufgewachsen ist, weiss, dass es nicht selbstverständlich ist, beim FCB spielen zu dürfen. Jene aus dem Ausland oder aus anderen Teilen der Schweiz wissen es aber vielleicht nicht. Hier herrscht ein anderer Druck. Ich kann mich noch an meinen ersten Einsatz hier im Joggeli erinnern. Ich war sehr nervös. Da hilft es, wenn ein älterer Spieler einem sagt, dass man etwas draufhat. Das lockert dich auf und führt zu einer besseren Leistung.

Und bei wem suchen Sie sich Rat?

Izet Hajrovic ist jemand, mit dem ich mich noch oft austausche. Vor allem aber rede ich mit Marco Streller. Wenn etwas nicht gut ist, frage ich ihn. Mit ihm kann ich offen reden, er gibt mir Tipps, sagt mir, ich solle ruhiger werden, und lässt mich das Vertrauen spüren – wie auch der ganze restliche Verein das seit Jahren tut. Das ist das Wichtigste. Auch deshalb bin ich immer noch da und gab es nie einen Transfer.

Sie sollen ruhiger sein?

Es geht vor allem darum, sich in gewissen Situationen zu kontrollieren. Dass ich erst den Kopf einschalte und erst dann reagiere. Dass ich nicht immer gleich als Erster irgendwo hinrennen muss auf dem Platz, wenn es heikle Momente gibt, sondern es zuerst abschätze. Und dass ich mich besser später in der Kabine statt auf dem Platz aufregen soll.

Das haben Sie sich zu Herzen genommen. Sie wirken ausgeglichener.

Das kommt auch daher, dass ich mir zum Ziel gesetzt habe, weniger gelbe Karten zu bekommen. Das braucht eine Zeit, um das umzusetzen. Es ging mir dabei aber nie um mein Image als Hitzkopf, sondern darum, nicht dauer-gefährdet zu sein. Denn wenn du das bist, tut das einer Mannschaft nicht gut und du kannst schnell zu einer Belastung für das Team werden. Du spielst dann immer am Limit, kannst nicht mehr unbekümmert in einen Zweikampf und musst immer schauen, dass du ja keine Karte mehr holst, weil du sonst fliegst oder im nächsten Spiel fehlen könntest.

Hatten Sie Hilfe eines Mentaltrainers?

Nein, das habe ich noch nie gemacht. Ich weiss nicht, ob mir das helfen könnte. Aber ich habe meine festen Bezugspersonen: Meine Eltern, Marco Streller, mein Bruder. Auch alle Trainer, die ich bislang hatte – auch Marcel Koller – haben mir gesagt, dass ich schon so viel Erfahrung habe und diese auch auf den Platz bringen soll.

Welchen Einfluss hat Ihre Verlobte darauf, dass Sie ruhiger sind?

Das hilft mir sicher auch. Wenn ich nach Hause komme, ist sie da und wir reden nicht über Fussball, sondern vor allem über andere Dinge. Das ist wichtig. Wenn du immer nur über Fussball redest, hast du am Morgen bereits so einen Kopf, dass du nicht einmal trainieren magst.

Haben Sie ein Hochzeits-Datum?

Wenn alles gut läuft, heiraten wir nächsten Sommer. Und momentan läuft alles sehr gut.