Ewig Single – bis das Herz zum Herzen findet

Diesen Sonntag ist der Singles’ Day. Ist dieser Beziehungsstatus überhaupt ein Grund zum Feiern? Schliesslich wünschen sich viele Alleinstehende einen Partner.

Zum ersten Mal findet heute in der Schweiz der Singles’ Day statt. Ums Alleinsein geht es dabei allerdings nicht. Der 11.11. soll künftig ein Super-Shopping-Tag werden, und zwar für alle, ganz egal, welchen Beziehungsstatus jemand gerade hat. Ähnlich wie am Black Friday wollen Händler die Konsumenten mit Schnäppchenangeboten locken, um das Geschäft anzukurbeln. Im asiatischen Raum ist der Singles’ Day bereits seit einigen Jahren das grösste Online-Shoppingereignis überhaupt. Letztes Jahr erzielte die chinesische Ali­baba-Gruppe einen Umsatz von über 25 Milliarden Dollar innerhalb von 24 Stunden. Ein Rekord.

Doch Shopping bis zum Umfallen war nicht immer das Hauptziel. Erfunden haben den Singles’ Day chinesische Studenten Anfang der Neunzigerjahre, um ihre Ungebundenheit in einer Gesellschaft zu feiern, in der traditionell früh geheiratet wird und die Familie einen hohen Stellenwert hat. Natürlich wollten sie vor allem Party machen und andere Singles daten. Findige Händler witterten jedoch schnell ein lukratives Geschäft und lancierten Online-Rabattaktionen – frei nach dem Motto: Singles sollen sich auch mal was gönnen.

Dass dieser Trend nun auch zu uns herüberschwappt, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Denn gerade für Singles sind Rabatte normalerweise tabu. Meist zahlen sie eher drauf. In der Schweiz sind Vergünstigungen Paaren und Familien vorbehalten, sei das beim SBB- oder Handyabo oder bei Vereins- oder Clubmitgliedschaften. Sylvia Locher, Präsidentin des Vereins Pro Single Schweiz, spricht gar von einer systematischen Benachteiligung: «Im Grunde werden Singles ein Leben lang dafür bestraft, dass sie nicht verheiratet sind.»

«Singles werden in unserer Gesellschaft diskriminiert»

Die 62-Jährige hat stichhaltige Argumente parat: Alleinlebende haben einen höheren Steuerfuss als Verheiratete oder Familien, egal, wie gut sie finanziell aufgestellt sind. In Hotels zahlen Alleinreisende für Einzelzimmer meist mehr als die Hälfte eines Doppelzimmers. Dass der Quadratmeterpreis bei kleineren Wohnungen höher ist als bei grösseren, benachteiligt ebenfalls vor allem Singles. Und natürlich kosten kleine Lebensmittelpackungen prozentual oft mehr als Familienpackungen. Für Sylvia Locher ist klar: Singles werden in unserer Gesellschaft diskriminiert.

Derzeit leben rund 35 Prozent der Schweizer Bevölkerung zwischen 18 und 70 Jahren allein, wie eine repräsentative Umfrage des Datingportals Parship Anfang Jahr ergab. Dass diese wachsende Gruppe im Gegensatz zu Familien gesellschaftlich wie politisch wenig Rückhalt hat, liegt jedoch nicht zuletzt an den Alleinstehenden selbst: Singlesein ist für die meisten bloss eine Übergangsphase mit einem hoffentlich absehbaren Ablaufdatum. Eine Zeit lang allein und mit sich selbst zufrieden zu sein, das scheint durchaus machbar – und ist im Zeitalter der seriellen Monogamie eh so gut wie unumgänglich. Doch viele Singles sind überzeugt, die richtige, definitive Lebensform erst dann erreicht zu haben, wenn sie in einer Beziehung leben oder eine Familie gründen.

Entsprechend gibt es so gut wie keine Angebote oder Events, die das Singledasein zelebrieren. Was mit «speziell für Singles» angepriesen wird – Partys, Reisen, Datingportale – zielt immer darauf ab, diesen scheinbar unvollkommenen Zustand so rasch wie möglich zu beenden. So ist auch der Singles’ Day für viele Chinesen ein ­Anlass, dank der Blind-Date-Events und Karaoke-Partys mit dem Alleinsein endlich zu brechen. Wer am nächsten Tag einen Partner hat, gilt als Singles’-Day-Gewinner.

Sind sie nun besonders frei oder doch eher Sonderlinge?

Paare und Verheiratete sind trotz der steigenden Anzahl Singles nach wie vor die Norm. Das merken Alleinstehende spätestens bei der Frage: «Warum bist du single?» Sylvia Locher weiss aus eigener Erfahrung, dass «sich Singles für ihr Leben dauernd rechtfer­tigen müssen». Insbesondere Frauen bis Mitte vierzig, die noch im gebärfähigen Alter sind, werden von ihrem Umfeld oft als Menschen betrachtet, mit denen etwas nicht stimmt.

Single zu sein, mag bis 30 cool sein; wer auch danach allein bleibt, wirkt suspekt. Viele, so Sylvia Locher, hätten ein ambivalentes Bild von Singles: «Man weiss nicht so recht, ob man sie um ihre Freiheiten beneiden oder eher als ein­same Sonderlinge bemitleiden soll.» Die Mehrheit der Singles – gemäss der Parship-Umfrage rund 72 Prozent – will zwar irgendwann wieder in einer Beziehung leben. Doch die Suche nach einem Partner bleibt mit steigendem Alter und wachsenden Ansprüchen nicht selten erfolglos. Die meisten Singles, gut ein Drittel, leben mehr als fünf Jahre ohne Partner. Bei den 50- bis 70-Jährigen sind es sogar knapp zwei Drittel.

«Es gibt einen Trend zum Langzeitsingle», bestätigt Sylvia Locher. Sie beobachtet ihn insbesondere bei Frauen ab 50. «Mit zunehmendem Alter wird das Singledasein sowohl für einen selbst wie auch für das Umfeld als Dauerzustand akzeptierbar», findet Locher. Man ist nicht mehr nur Single mangels Alternativen, sondern weil man sich selbst so entschieden hat. Die meisten Spätsingles haben eine Ehe hinter sich, sie haben geliebt und gelitten – und sie wissen genau: Einsamkeit ist keine Frage des Beziehungsstatus.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 10.11.2018, 18:29 Uhr