Er war Teil einer der erfolgreichsten Rockband der Welt – heute folgt er

Mark Knopfler ist die Ruhe selbst. In einer unscheinbaren Seitenstrasse in Westlondon hat er sich vor zehn Jahren ein grossartiges Studio eingerichtet. Hier sitzt er nun, umgeben von Gitarren natürlich, und spricht über sein neues Album. «Down the Road Wherever» heisst es und serviert vierzehn neue Lieder, allesamt im rootsig angehauchten, eleganten Singer-Songwriter-Stil. Jenen Stil, den der inzwischen 69-jährige Saitenvirtuoso pflegt, seit er vor 23 Jahren Dire Straits auflöste. Man hört diesmal einige Bläser mehr als auch schon und ein bisschen weniger englische Folkeinflüsse. Geblieben sind die quecksilberhaften Gitarrenriffs, die nie ins Showhafte abrutschen, und die samtenen Melodien halbwegs zwischen englischem Folk und Americana.

Geblieben ist auch die Knopflersche Vorliebe fürs Geschichtenerzählen. Nirgends kommt dies schöner zur Geltung als im Song «Just a Boy Away From Home». Er erzählt die Story von einem jungen Mann in Newcastle und seinem Heimweh nach Liverpool und endet mit Knopflers eigenwilliger Interpretation von «You’ll Never Walk Alone», der Nationalhymne des FC Liverpool.

«Good on you son» – aus dem neuen Album von Mark Knopfler:

Er schreibe heute mehr Songs denn je, sagt Knopfler. Das Staunen steht ihm dabei ins Gesicht geschrieben, aus dem Tonfall ist Dankbarkeit herauszuspüren: «Ich sehe keinerlei Anzeichen, dass die Songs am Austrocknen wären. Im Gegenteil, es kommen mehr und mehr.» Ach, fällt es ihm plötzlich ein, ein ganzes Musical habe er auch gerade komponiert. «Stell dir vor, ein Musical! Nie im Leben hätte ich gedacht, dass ich so etwas einmal machen würde.» Es handelt sich um eine Bühnenversion von «Local Hero», der feinen schottischen Filmkomödie mit Burt Lancaster, für die Knopfler Anfang der 1980er-Jahre den Soundtrack eingespielt hatte. «Je älter man wird», sagt er, «desto länger wird halt die Liste von Dingen, die man noch erreichen möchte.»

Dire Straits: Zu laut und zu gross

Ein paar Jahre lang waren Dire Straits die erfolgreichste Rockband der Welt. Ihr Album «Brothers in Arms» verkaufte sich weit über dreissig Millionen Mal. Allein in Grossbritannien gab es dafür 14 Mal Platin. Es hätte nicht besser laufen können, da warf Knopfler zum Leidwesen der restlichen Band das Handtuch. «Es war mir alles zu laut und zu gross geworden», sagt er. «Es ging nicht mehr um die Musik.»

Die Zeiten, wo er das Haus nicht ohne Bodyguards verlassen konnte, sind längst vorbei. Nach der Arbeit im Studio genehmige man sich oft noch ein Bier im Lokalpub: «Niemand macht je ein grosses Aufheben. Die Menschen sind wunderbar. Sowieso, ich brauche bloss eine Kappe aufzusetzen, und niemand erkennt mich mehr.»

Möglicherweise liegt die Erklärung für Knopflers Bedürfnis nach Alltäglichkeit und Wurzeln in seiner Familiengeschichte. Sein ungarisch-jüdischer Vater, ein Architekt, war 1939 als Flüchtling in Schottland gelandet und hatte dort eine Lehrerin geheiratet. Seine Entwurzelung hinterliess beim Sohn Spuren: Auch das Rockstar-Dasein kann eine Art Entwurzelung darstellen. Als Mark acht Jahre alt war, zog die Familie nach Newcastle. Die Verbindung zu der Stadt hat er nie verloren. Sein Lieblings-Pub heisse «Crown Posada», sagt er: «Ein herrlicher, alter, traditioneller Pub, dem die Zeiten nichts haben anhaben können.» Das Schicksal des FC Newcastle United verfolgt er weiterhin ganz genau. Offenbar pflegt er einen direkten Draht hinter die Kulissen des Vereins.

«Die Sache mit den Geordies, wie der liebevolle Spitzname für die Bewohner von Newcastle und Umgebung lautet, ist die: Jeder Mensch ist dort willkommen. Jedem wird geholfen. Ein wunderbares Volk. In der Grafschaft Northumberland ist es dasselbe. Und grossartige Musiker gibt es auch. Die Unthanks. Kathryn Tickell…», schwärmt Knopfler

Vielleicht die letzte grosse Tour?

Er liebe es, Songs zu schreiben, erklärt Mark Knopfler im Dokumentarfilm «A Life in Songs» (2011): «Ich liebe das Proben, ich liebe die Arbeit im Studio, und ich liebe es, auf Tournee zu gehen.» Im kommenden Frühling geht es erneut auf Reisen, auch in die Schweiz. Obwohl es so nicht ausgesprochen wird, könnte es Knopflers letzte längere Tournee sein. Er müsse sich irgendwie die Zeit verschaffen, seiner Muse freien Lauf geben zu können, sagt er. «Wenn man eine Wahl treffen muss, fällt zuerst das weg, was am meisten harte Arbeit bereitet. Tourneen, das wird wohl der Baum sein, der zuerst gefällt wird.»

Das fleissige Songschreiben gehe zudem auf Kosten der Gitarre. Man konzentriere sich beim Schreiben und beim Üben auf völlig andere Dinge. Am liebsten würde er einen Gitarrenlehrer engagieren, sagt er: «Einen, der jede Woche zu einer bestimmten Zeit kommt, der keine Ausrede zulässt.»

Weiss er nicht längst alles, was es über die Gitarre zu wissen gibt? «Nein!» ruft Knopfler entsetzt aus. «Davon bin ich meilenweit entfernt. Was sage ich? Lichtjahre sind es, so gross ist die Entfernung.»

Mark Knopfler: Down the Road Wherever (Universal). Erscheint am 16. November.
Live: 9. Mai Hallenstadion Zürich; 3. Juli St. Peter at Sunset, Kestenholz.