«Dortmund hat mir geholfen, wieder der zu sein, der ich war»

Paco Alcácer hat sich bei Borussia Dortmund mit einer furiosen Trefferquote vorgestellt. Vor dem Spitzenspiel gegen den FC Bayern erklärt er seinen Lebenslauf.

Paco Alcácer, Borussia Dortmund empfängt an diesem Samstag (18.30 Uhr) einen kriselnden FC Bayern zum Spitzenspiel der Bundesliga. Welche Bedeutung hat diese Partie für die Meisterschaft?

Es ist ein direkter Rivale, und mit einem Sieg würden wir die Distanz auf sieben Punkte vergrössern. Aber wir wissen auch, dass die Saison noch sehr lang ist. Beide werden noch durch gute und schlechte Situationen gehen müssen. Klar ist: Das ist eines der Spiele, die jeder Fussballer gerne spielen möchte, eines der grössten, die man in Europa erleben kann. Ich war noch nie direkt dabei, aber das Ambiente stelle ich mir spektakulär vor.

Der BVB hat am Dienstag bei Atlético Madrid in der Champions League die erste Saisonniederlage einstecken müssen (0:2). Hat das Spuren hinterlassen?

Das glaube ich nicht. Niederlagen sind natürlich immer schmerzhaft. Aber wir haben auch in Madrid gezeigt, wie wir spielen wollen – gegen einen Gegner, von dem wir wussten, dass er uns sehr fordern würde. Aber wir sind weiterhin Gruppenerster.

Sie sind Mittelstürmer, bei Ihrem Bundesligagegner FC Bayern standen zuletzt auch die Innenverteidiger im Fokus der Probleme. Sehen Sie da den Schlüssel zu einem Erfolg gegen die Münchner?

Ich mag es nicht, im Fussball zu individualisieren; egal ob es um Verteidiger, Mittelfeldspieler oder Stürmer geht. Spiele nehmen oft Wege, die man vorher nicht mal ahnen konnte. Der Schlüssel wird für uns darin liegen, auch gegen die Bayern als Team die Charakteristik an den Tag zu legen, die wir bisher gezeigt haben.

Sie haben zuletzt in acht Pflichtspielen neun Tore erzielt; eines davon für Spaniens Nationalelf. Steckt ein Geheimnis hinter dieser Quote?

Das Tore-Erzielen ist eine Gabe, mit der Stürmer geboren werden. Aber das entbindet einen nicht davon, jeden Tag an sich zu arbeiten. Ich weiss, was ich gut kann, und ich weiss, was ich weniger gut kann. Ich habe schon in der Schule auf dem Pausenhof immer mehr aufs gegnerische Tor geschaut als aufs eigene. Toreschiessen wurde ein Teil meines Lebens. Wenn du dann älter wirst und in der Dynamik des Profifussballs feststellst: «Verdammt, das kann ich packen!», dann merkst du auch, dass du Fähigkeiten hast, die andere vielleicht in anderen Lebensbereichen zur Geltung bringen. Die musst du perfektionieren.

Wann haben Sie festgestellt, dass Sie, wie man im Spanischen sagen würde, als Fussballer «mehr waren als andere»?

Mehr als andere? Nein, so denke ich nicht. Als mich der FC Valencia holte und ich bei den Profis die Saisonvorbereitung mitmachte, war ich noch nicht mal 17 – und hielt mit. Da wusste ich, dass ich Profi werden könnte. Von da an habe ich alles, vor allem das Training, sehr viel ernster genommen. Und ich habe bei anderen Spielern sehr viel genauer hingeschaut als vorher.

Bei wem denn?

Ich hatte das Glück, in Valencia kurzzeitig mit David Villa zusammenzuarbeiten. Als er dann nach Barcelona ging, schaute ich seine Spiele mit Barça und mit Spaniens Nationalelf. Er ist für mich ein sehr wichtiger Bezugspunkt.

Sie haben zu Saisonbeginn bei Borussia diesen beeindruckenden Lauf hingelegt. Jeder weiss: Nach den Gesetzmässigkeiten der Wahrscheinlichkeit kann es unmöglich so weitergehen. Besorgt Sie das?

Nein. Natürlich weiss auch ich, dass es unmöglich ist, diese Frequenz aufrechtzuerhalten. Es werden auch zwei oder drei Spiele nacheinander kommen, in denen ich nicht treffe. Ich bin nicht davon besessen, in so kurzer Zeit so viele Tore geschossen zu haben. Der Fussball gehört ja allen: den elf Spielern auf dem Platz, den dreien, die reinkommen, denjenigen auf der Bank, dem Trainerteam. Wenn ich sehe, dass ein Mitspieler einfacher zum Tor kommt, spiele ich den Ball natürlich weiter. Es ist schön zu treffen. Aber wenn meine Mannschaft gewinnt, ist das noch schöner.

Beim FC Barcelona durchlebten Sie eine Zeit, in der Sie nicht nur nicht trafen, sondern kaum spielen durften.

Solche Phasen sind schwierig, am Ende definiert sich ein Stürmer über Tore. Mir fehlt auch etwas, wenn ich ohne Tor aus einem Spiel gehe. Aber die Schultern hängen lassen oder sagen: Dann wirds halt nächstes Jahr was? Das kommt nicht infrage.

Woher kommt dieses Arbeitsethos?

Das habe ich von klein auf mitbekommen. In meinem Elternhaus musste immer alles hart erarbeitet und verdient werden. Auch als Fussballer habe ich dann viele Hindernisse überwinden müssen.

Was meinen Sie konkret?

Unmittelbar nach meinem Debüt bei den Profis von Valencia, ich war 17, starb mein Vater. Ich hätte danach auch auf einen Weg geraten können, der nicht richtig gewesen wäre. Aber ich habe mir gesagt: Mein Vater wollte selbst Fussballer werden, hat das aus verschiedenen Gründen nicht geschafft, aber ich weiss, dass er jetzt umso lieber bei mir wäre und sehen würde, dass ich es schaffe. Ich habe mir gesagt: Ich tue das für ihn. Ich gehe den richtigen Weg.

Ihr Vater arbeitete in der Landwirtschaft.

Als Apfelsinenpflücker, richtig. Und das ist Arbeit! Das ist nicht mal ansatzweise mit dem zu vergleichen, was wir machen. Ich versuche, in meinem Leben Normalität zu leben. Wenn ich einen Lauf habe, steigt mein Ego nicht in die Höhe, und es sackt auch nicht ab, wenn ich mal nicht treffe.

Haben Sie je bereut, zu Barça zu gehen?

Niemals.

Wobei man auch sagen muss: Sie haben auch bei Barça verlässlich getroffen, im Schnitt alle 141 Minuten.

Meine Quote war nicht schlecht, richtig. Aber es war schwierig, spielen zu können.

Weil der Schatten, den Topspieler wie Lionel Messi oder Luís Suárez bei Barça werfen, erdrückend war?

Das Problem ist, ins Team reinzukommen. Aber mit solch grossartigen Fussballern zu spielen, ist eigentlich sehr einfach. Das gilt auch hier in Dortmund für Spieler wie Marco (Reus), Jadon (Sancho), Christian (Pulisic) oder Mario (Götze).

Barcelona ist eine mediterrane Stadt mit Flair und Meer, und Barça ist ein Club, der stets um Titel spielt. Dortmund hingegen ist Ruhrpott, in einer proletarischen Kultur verwurzelt. Ist der Charakter der Mannschaften, die Sie in Barcelona und Dortmund kennengelernt haben, ähnlich unterschiedlich?

Klar gibt es Unterschiede. Jeder Mensch ist eine Welt für sich, jeder Club auch. Bei Barça gibt es Spieler, die kaum über die Strasse laufen können, das gibt es hier in dieser extremen Form nicht. Hier haben wir eine junge, sehr gesunde Mannschaft, die sehr viel Freude ausstrahlt.

Wen haben Sie um Rat gefragt, ehe Sie in Dortmund zusagten?

Um Rat im engeren Sinne? Niemanden. Ich wusste ja, was Borussia darstellt. Als die Gerüchte aufkamen, hat Marc Bartra mich angesprochen (der Anfang 2018 aus Dortmund zu Betis Sevilla gewechselt ist, die Red.). Er hat mir gesagt, dass das ein sehr guter Verein sei. Und Ousmane (Dembélé, inzwischen beim FC Barcelona, die Red.) hat mir das auch gesagt.

Borussia Dortmund hat sich eine Kaufoption auf Sie gesichert, die der Verein wohl sicher ziehen dürfte. Sie haben einen Anschlussvertrag unterzeichnet. Sie stammen aus Torrent, einem Ort bei Valencia. Ihnen blüht also auf Jahre hinaus ein Leben ohne Strand, mit weniger Sonne, ohne Paella. Stört Sie diese Perspektive?

Das Leben eines Fussballers ist kurz. Auch wenn alle sagen, dass Fussballer ein einfaches Leben mit viel Geld führen – es hat auch Härten. Ich weiss, was ich will: dieses Leben geniessen. Und ich brauche nicht viel, um glücklich zu sein. Wir drei, meine Lebensgefährtin, meine Tochter und ich, sind hier in Dortmund wirklich sehr glücklich. Ich verstehe mich gut mit den Kameraden, meine Art kommt, glaube ich, ganz gut an. Das spüre ich. Und das gefällt mir.

Es ist Ihnen nichts schwergefallen?

Eigentlich nicht – ausser der Sprache. Die Wörter, die im Training wiederholt werden, verstehe ich schon ganz gut. Auf dem Platz und mit dem Trainer (Lucien Favre, die Red.) behelfen wir uns mit Englisch, das ich ganz gut radebreche, und mit Zeichensprache. Aber ein Gespräch zu führen, das ist sehr schwierig.

Ist Lucien Favre anders als die Trainer, die Sie bisher hatten?

Was ich bei Favre als besonders empfinde: wie er mit uns kommuniziert; wie normal er im Umgang ist. Es gibt keinerlei Hürden zwischen ihm und den Spielern, und er stellt Fragen.

Favre gilt als Verehrer des Fussballs von Johan Cruyff, der auch Barcelona geprägt hat. Erkennen Sie das wieder?

Schon. Im Training legt Favre sehr viel Wert auf die Spieleröffnung; und auf die Arbeit ohne Ball, mit dem Ziel, den Gegner ohne Reaktionszeit zu erwischen.

Lucien Favre vor dem Bayern-Duell. (Video: Sebastian Rieder)

Wir sprachen eingangs über die Dinge, die Sie beherrschen. Was möchten Sie denn noch verbessern?

Ich habe mich schon verbessert. Als ich Valencia verliess, hatte ich noch Schwierigkeiten, mich fallen zu lassen, um den Ball in Empfang zu nehmen und zu kombinieren. Das musste ich in Barcelona zwangsläufig lernen, weil ich nicht auf meiner natürlichen Position spielte.

Sondern?

Eher auf der Aussenbahn. Und da hast du andere Aufgaben. Ich habe jetzt das Gefühl, ein besserer Spieler zu sein. Ich kombiniere besser, decke den Ball besser ab, kann den Ball besser kontrollieren, um der Mannschaft Pausen zu gönnen. Aber auch das muss ich noch perfektionieren.

Sie sind so gut geworden, dass man bei Spaniens Nationalelf feststellte: Den Neuner, den wir gesucht haben, der war auf der Tribünen des Camp Nou versteckt.

Die Option, zur Nationalelf zu gehen, hast du nur, wenn du in deinem Club spielst, die Dinge gut machst, Tore schiesst. Die Qualität der Stürmer der spanischen Nationalelf ist schlichtweg immens. Ich bin wieder da und sehr glücklich darüber.

Sie hatten in der Qualifikationsphase zur EM 2016 viele Tore erzielt, wurden aber dann nicht berufen. War das sportlich Ihre bisher bitterste Enttäuschung?

Ja. Ich hatte mich zwei Jahre darauf vorbereitet und alle Spiele gespielt.

Kurioserweise ist Luís Enrique, Ihr erster Trainer bei Barcelona, nun Nationaltrainer. Als er Sie in den Kader holte, lobte er ausdrücklich Ihre Fähigkeit zu arbeiten.

Das ist es ja, wovon ich mich immer habe leiten lassen: Arbeit und Tore. Ich bin kein Spieler, der drei Gegenspieler ausdribbelt, den vierten tunnelt und dann noch den Ball über den fünften lupft. Das ist mir klar – und den anderen auch.

Ist es einem Torjäger eigentlich egal, für wen er Tore schiesst?

Wir alle haben eine Mannschaft, für die unser Herz schlägt. Bei mir ist es der FC Valencia, seit meiner Kindheit. Daran ändert sich nichts, auch wenn ich dort wegen meines Wechsels zum FC Barcelona stark kritisiert worden bin.

Bei ihrer Rückkehr nach Valencia wurden Sie als «comepipas» verhöhnt – in Anspielung darauf, dass Tribünenbesucher in Spanien gerne «pipas» essen, geröstete Sonnenblumenkerne …

Entscheidend sind für mich die Menschen, die mich unmittelbar umgeben. Der Rest soll ruhig reden. Gefühle kennt nur derjenige, der sie hat. Ich verdanke Valencia alles. Solange ich dort war, haben mich die Fans immer unterstützt, auch dann, wenn es mal nicht lief. Dafür bin ich dankbar, bis heute. Dass ich nun im Trikot des BVB treffe, ist aus vielen Gründen schön. Vor allem aber, weil sie dort auf mich gesetzt haben. Die Borussia hat mir geholfen, wieder der zu sein, der ich war. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.11.2018, 13:32 Uhr