Die Jagd nach Jungen

Vertrauliche Dokumente zeigen, wie Spitzenvereine Profit mit dem Transfer von minderjährigen Fussballspielern machen.

«Risikokapital». So bezeichnen Manager des englischen Spitzenclubs Manchester City junge Fussballtalente, die sie unter Vertrag nehmen. Vertrauliche Dokumente aus dem riesigen Datenleck Football Leaks ­erlauben einen Blick hinter die Kulissen dieses Geschäfts, in dem Ethik und Moral oft erst an zweiter Stelle stehen.

Die Fifa überwacht den weltweiten Transfermarkt von Fussballspielern genau – und stellt dabei immer wieder Verstösse gegen die Regeln fest, gerade bei Transfers von Minderjährigen. Die Situation ist so gravierend, dass die zuständige Fifa-­Mitarbeiterin in einer E-Mail von ­Januar 2018 von «systematischen Verstössen» in gewissen Ländern schreibt. Namentlich nennt sie England und Belgien. In den letzten Jahren hat die Fifa unter ­anderem gegen Atlético Madrid, Chelsea oder Manchester City Bussen von mehreren Hunderttausend Franken oder sogar Transferverbote ausgesprochen. Neustes Beispiel: Vor ein paar ­Tagen wurde der FC Everton mit einer Busse von einer halben ­Million Pfund belegt.

Viele Afrikaner werden wie eine Ware herumgeschoben und landen auf einem Abstellgleis.

Obwohl internationale Transfers von Spielern unter 18 Jahren ohne Ausnahmebewilligung der Fifa verboten sind – in Europa liegt die Limite sogar bei 16 Jahren –, boomt der Markt. Mit 3312 hat sich die Zahl der Transfer­gesuche für minder­jährige Fussballer zwischen 2011 und 2017 insgesamt mehr als verdoppelt. Nur etwa jedes achte Gesuch lehnt die Fifa ab. Allein die 15 grössten europäischen Clubs ­haben von 2013 bis 2017 genau 233 Transfers von minderjährigen Spielern beantragt. Am ­aktivsten war ­Atlético mit 52 Gesuchen, gefolgt von Manchester City (28), Manchester United (27), Juventus Turin und Arsenal London (je 19).

Traumrendite in Manchester

Für viele junge Afrikaner platzt der Traum der grossen Fussballkarriere schnell, sobald sie nach Europa geholt werden. Sie werden herumgeschoben wie eine Ware und landen auf einem ­Abstellgleis irgendwo in einer unterklassigen Liga, entwurzelt und von ihrer Familie getrennt. Sie sind in ihrem Alter nicht vorbereitet für eine solche Odyssee.

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Manchester City investiert viel in seine Jugendteams. Aus einem Grund: Rendite. Foto: Simon Stacpoole (Getty Images)

Manchester City gehört zu den Spitzenvereinen, die das Geschäft mit jugendlichen Talenten am hartnäckigsten verfolgen. Ab einem gewissen Niveau ­werden die Minderjährigen in der Terminologie des Clubs zu «Value Playern», zu Spielern, die dem Verein Ertrag bringen sollen. 2011 lancierte Man­chester City seinen «City Talent Development Plan» und plante dafür ­Investitionen von 48 Millionen Pfund für zehn Jahre ein, um­gerechnet rund 65 Millionen Schweizer Franken. Nicht nur der Einsatz war klar vorgegeben, sondern auch die erwartete ­Rendite: 24 Prozent.

Schon nach der Hälfte der 10-Jahres-Periode liessen sich die Ergebnisse sehen. Bis 2016 hatte Manchester City 30,8 Millionen Pfund ausgegeben, um 53 junge Spieler zu rekrutieren. Gleichzeitig brachten Verkäufe und Ausleihen der Spieler schon 33,7 Millionen Pfund ein. Die «Assets» (Bestände), die Manchester City selber unter Vertrag hielt, hatten zudem einen Marktwert von 42,2 Millionen Pfund – mit stark steigender Tendenz. Die Fussballmanager schätzten ihren künftigen Wert auf genau 117,6 Millionen Pfund.

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Manchester Citys Geschäft mit den jungen Fussballspielern reicht rund um den Globus. Die Fussball-Akademie «Right to Dream» in Ghana finanziert der englische Club seit 2010 mit einer Million Euro pro Jahr. In der Einrichtung werden fast 90 Jugendliche aus mehreren westafrikanischen Ländern auf Höchstleistung gedrillt. Seit ihrer Gründung hat sie 48 Profi-Fussballer hervorgebracht.

Das sind glückliche Einzel­fälle. Denn auf viele der Auserwählten wartet eine unwürdige Zukunft. Der 22-jährige Divine Naah kam vor vier Jahren nach Europa. Bei Manchester City war der junge Mann aus Ghana einer der vielen Spielern, die mal hier, mal da ausgeliehen wurden: Naah wurde von Norwegen nach Holland, Dänemark und Schweden geschoben. «Ich hatte keine andere Wahl. Das war die schlimmste Zeit meines Lebens», sagte er der belgischen Zeitung «Standaard». Erst letzten Sommer konnte sich Naah von seinem Vertrag befreien. Nun spielt er in der zweiten belgischen Liga.

Regelwidriger Vertrag

Geschichten wie die von Naah haben das Image von Manchester City bei den Absolventen der «Right to Dream»-Akademie beschädigt. Kommt hinzu, dass der englische Spitzenverein mit der Akademie einen Vertrag unterzeichnet hat, der diese verpflichtet, «alles dafür zu tun, die Spieler zu überzeugen, bei Manchester zu unterzeichnen», sobald sie volljährig sind. Und der auch die schriftliche Zustimmung Manchesters für Wechsel zu anderen Vereinen voraussetzte. Damit verstiess der Vertrag gegen die Fifa-Regeln, welche die Einmischung einer Drittpartei bei Transfers verbieten.

Um Probleme mit der Fifa zu vermeiden, hat Manchester City 2016 deshalb den FC Nordsjælland in sein Geschäftsmodell ­integriert. Der dänische Club wurde für die Absolventen der «Right to Dream»-Akademie zum neuen Tor nach Europa. Was die Jungtalente nicht wissen, ist, dass es eine geheime Verein­barung zwischen dem FC Nordsjælland und Manchester City gibt. Diese legt fest, dass die ­Dänen Spieler aus der Akademie nur mit Erlaubnis von Manchester City weiterverkaufen dürfen. Und dass 25 Prozent der Transfererlöse an City abgeliefert ­werden müssen.

Beide Abmachungen sind höchst problematisch. Einerseits kann damit Manchester City als Drittpartei in die Karriere eines Spielers eingreifen, was strengstens verboten ist. Andererseits beurteilen Experten die 25-Prozent-Transferbeteiligung als ­regelwidrig, weil eine Drittpartei nicht mit den Rechten an Fussballspielern handeln darf.

Gegenüber dem Journalistennetzwerk EIC, das die Auswertung der Football Leaks koordiniert hat, liess die «Right to ­Dream»-Akademie verlauten, die Partnerschaft mit dem dänischen Club halte alle wichtigen Regeln des Fussballs ein. Manchester City nahm keine Stellung.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 10.11.2018, 07:07 Uhr