Der Pate, der ein FBI-Informant war

James «Whitey» Bulger wurde in seiner Gefängniszelle ermordet. Er war der berühmteste Verbrecher der USA. Das FBI war sowohl sein Verbündeter als auch sein Feind.

Er sass im Rollstuhl, hatte ein schwaches Herz. Frühmorgens schoben zwei Mithäftlinge den Weisshaarigen in eine Ecke seiner Zelle, ausser Sichtweite der Überwachungskameras. Sie nahmen ein schweres Vorhängeschloss, steckten es in eine Socke, und zertrümmerten damit sein Gesicht, seinen Schädel. Sie stachen seine Augen aus, versuchten, ihm die Zunge abzuschneiden. Dann holten sie Putzzeug, wuschen das Blut auf, wickelten die Leiche in eine Decke, legten sie auf die Pritsche. Es sollte aussehen, als schliefe er. Die Wärter fanden ihn, nachdem er das Frühstück verpasst hatte. Als sie an seiner Schulter rüttelten, ergoss sich das Blut auf den Boden.

So endete letzte Woche in einem Gefängnis in den Appalachen von West Virginia das Leben von James Bulger, genannt Whitey, jahrelang der meistgesuchte Verbrecher der USA. Er wurde 89 Jahre alt.

Bulger wusste immer, wann gegen ihn ermittelt wurde

Die Augen, die Zunge: Strafe für einen Verräter. Whitey Bulger (sprich «Baldscher») war auf der Höhe seiner Macht in den 70er- und 80er-Jahren nicht nur der gefürchtete Boss der irischen Winter-Hill-Bande in Boston – Schutzgelderpressung, Drogenhandel, Glücksspielbetrug, Schiessereien, Morde. Er war auch ein Informant des FBI. John Connolly, ein Freund aus Kinderzeiten, arbeitete für die Bundespolizei. Whitey wusste immer, wann gegen ihn und seine Geschäfte ermittelt wurde – und verstummte, sobald die Polizei eine Wanze in seinem Auto angebracht hatte. Connolly seinerseits konnte mit dem Insiderwissen, das er von seinem Informanten erhielt, die italienische Mafia in der Region Boston ausschalten und wurde bekannt als einer der erfolgreichsten FBI-Agenten der USA.

Bis heute bleibt unklar, ob Whitey Bulger nicht noch einen anderen wichtigen Helfer hatte: seinen jüngeren Bruder William «Billy» Bulger – einer der einflussreichsten Politiker des Bundesstaates Massachusetts. Auch Billy Bulger kannte Connolly gut.

Jack Nicholson, Johnny Depp

Die Geschichte des irischen Mobsters und seines FBI-Freundes, das Drama der ungleichen Brüder, die beide Karriere machten, der eine als Verbrecher, der andere als Senator, hat Bücher und Filme inspiriert. Im Oscargewinner «The Departed – Unter Feinden» von Martin Scorsese spielte Jack Nicholson 2006 einen Gangster nach dem Vorbild von Whitey Bulger. Johnny Depp hat als Schauspieler selten so brilliert wie in der Rolle des Whitey Bulger in der Verfilmung des Buches «Black Mass», die 2015 in die Kinos kam (Billy Bulger wurde von Benedict Cumberbatch gespielt). Und die TV-Serie «Brotherhood» konnte die komplizierte Beziehung zwischen Whitey und Billy Bulger immerhin über drei Staffeln und 29 Episoden spannend erzählen.

Zwei Männer wurden letzte Woche als mutmassliche Mörder von Whitey Bulger in Einzelhaft gesetzt: Fotios «Freddy» Geas ist ein Auftragskiller, lebenslang hinter Gittern für den Mord an einem Mafiaboss, der seinen Rivalen in die Quere gekommen war. Auch Paul DeCologero soll im Auftrag seines Onkels, eines Mafiachefs im Norden von Boston, Morde verübt haben. Die Mafia hat offensichtlich die erste Gelegenheit ergriffen, um sich an Bulger zu rächen – denn der war erst am Tag zuvor in dieses Gefängnis verlegt worden.

16 Jahre lang konnte Whitey Bulger der Polizei und seinen Unterweltrivalen entkommen. Nach dem Tod von Osama Bin Laden avancierte er 2011 auf den ersten Platz unter den zehn meistgesuchten Tätern der USA. Das Kopfgeld betrug 2 Millionen Dollar – mehr hatte das FBI noch nie für einen einheimischen Kriminellen ausgelobt. Untergetaucht war Whitey Ende 1994, kurz bevor Anklage wegen Mord und organisierter Kriminalität gegen ihn erhoben wurde. Der entscheidende Tipp kam von seinem FBI-Vertrauten Connolly.

Irisch, katholisch, arm, stolz

Die Bulger-Brüder wachsen auf in South Boston, in einer Siedlung, die in den 30er-Jahren für Einwanderer aus Irland gegründet wird. Man kennt sich in «Southie», ist einander verbunden durch die gemeinsame Herkunft, durch die katholische Kirche, durch den Stolz inmitten der Armut, durch den Ehrgeiz aufzusteigen. Es gibt sechs Bulger-Geschwister, drei Brüder und drei Schwestern. James wird wegen seiner hellblonden Haare «Whitey» genannt. Er ist der Älteste – und der Rebell.

Schon als Schüler ist Whitey Bulger ein kleiner Gauner, er stiehlt und prügelt sich, ist berüchtigt für körperliche Härte – und das Geld, das er immer im Überfluss hat, wer weiss, woher? Er kauft den kleinen Kindern Süsses – darunter ist auch sein späterer FBI-Freund John Connolly. Die Grossen haben Angst vor Whitey, auf der Strasse geht man ihm aus dem Weg. Er klaut Autos für waghalsige Fahrten durch die Nachbarschaft, rast auch mal auf den Tramgleisen durch Haltestellen. Die Schule schliesst er nie ab, stattdessen erscheint er immer wieder vor Gericht, sammelt erste Strafen ein. Selbst im Militär wird Whitey Bulger nicht gebändigt.

Bulgers Bruder setzt sich für Arme ein

In den 50er-Jahren überfällt er mit Kollegen Banken im ganzen Land – und wird schnell festgenommen. Er kommt neun Jahre ins Gefängnis, drei davon auf der berüchtigten Insel Alcatraz bei San Francisco. Hier, so erzählen es Mithäftlinge, widmet sich Whitey erstmals den Büchern: Den Zweiten Weltkrieg studiert er wie ein Forscher, analysiert Schlachten und Strategien. Er liest Machiavelli. Und lernt, wie man rivalisierende Kräfte gegeneinander ausspielt. Das wird ihm später nützlich sein. Der jüngere Bruder Billy hingegen hat sich in der Zwischenzeit längst vom armen Southie abgesetzt, hat seinen Aufstieg in die High Society des snobistischen Boston angetreten. Der Messdiener findet Förderer in der katholischen Kirche, geht auf eine Jesuitenschule, eine der besten Highschools der Stadt, studiert erst Anglistik am renommierten Boston College, hängt dann ein Jus-Studium an. Klassische Bildung ist seine Leidenschaft, er liest Latein und Griechisch. Billy Bulger wird zum bekannten Rechtsanwalt. Und zum Politiker der Demokratischen Partei.

Boston ist die politische Heimat der Kennedy-Familie – auch sie Katholiken mit irischen Wurzeln. Billy Bulger wird in dieses Netzwerk aufgenommen. 1960, im Alter von 26 Jahren, wird er erstmals ins Regionalparlament von Massachusetts gewählt –sein Wahlkreis liegt in seiner Heimat Southie. Er setzt sich leidenschaftlich für die Armen ein, bleibt in gesellschaftlichen Fragen aber ein konservativer Katholik. Er gilt eigentlich als schüchtern, ist aber ein mitreissender Redner und Geschichtenerzähler.

Ein harter Hund

Als Whitey Bulger Mitte der 60er-Jahre wieder freigelassen wird, hat sein jüngerer Bruder genug Einfluss, um dem Ex-Häftling einen städtischen Job zu verschaffen – ausgerechnet in einem Gerichtsgebäude. Aber das ist für Whitey zu langweilig, bringt zu wenig Geld. Er hält kaum ein Jahr durch. Stattdessen interessiert er sich für die blutigen Kriege unter irischen Banden, die in diesen Jahren Boston aufwühlen – und für deren Rivalität mit der italienischen Mafia, die im Norden der Stadt ihre Machtbasis hat.

Schon als Jugendlicher war Whitey ein Fitnessfanatiker. Im Gefängnis hat er seinen Körper weiter gestählt. Als Schuldeneintreiber und Ausputzer wird er jetzt ein unverzichtbares Bandenmitglied, ein harter Hund. Jeder kennt sein aufbrausendes Temperament und die wilde Gewalt, mit der er dann zuschlägt. Der Mord an einem Rivalen wird ihm zugeschrieben, das trägt zu seinem furchterregenden Image bei.

Whitey baut seinen Einfluss systematisch aus, wechselt zum richtigen Zeitpunkt geschickt die Seiten, hat sogar Beziehungen zur Mafia. Schon Anfang der 70er-Jahre ist Whitey Bulger Chef der Winter Hill Gang, die bald den Süden der Stadt kontrolliert. Nur die Mafia ist noch eine ernst zu nehmende Konkurrentin.

Whitey Bulger – der Gentleman unter den Gangstern

John Connolly hat indessen den Weg von Southie auf die Seite des Gesetzes eingeschlagen: Er ist zum FBI-Agenten aufgestiegen – auch auf Empfehlung von Billy Bulger. Zu der Zeit, zu der er ins Büro der Bundespolizei in seiner Heimatstadt versetzt wird, forciert das FBI den Einsatz von Informanten, um die organisierte Kriminalität zu bekämpfen. Für Connolly wird Whitey Bulger zur wertvollen Quelle über die Machenschaften der Mafia. Die Erfolge bleiben nicht aus: Das FBI kann die Mafia in Boston praktisch ausschalten.

Der Deal ist auch für Whitey lukrativ. Er wird der unbestrittene Gangsterboss von Boston – und die Polizei des Bundesstaates kann ihm nichts anhaben. Denn Connolly und seine Vorgesetzten schützen den Informanten mit allen Mitteln. Das FBI fördert das Bild von Whitey Bulger als «gutem Bösem», als Gentleman unter den Gangstern, als Robin Hood, der in seiner Nachbarschaft Almosen verteilt. Connolly und Whitey werden Freunde, gehen oft gemeinsam essen, tauschen Geschenke aus. Es wird eine Beziehung, die letztlich auch Connolly korrumpiert.

Während Whitey zum Chef der Unterwelt aufsteigt, mit Drogenhandel reich wird und Waffen an die Irisch-Republikanische Armee (IRA) in Nordirland schmuggelt, wird sein Bruder Billy zum einflussreichsten Politiker des Bundesstaates – nur der Gouverneur ist noch mächtiger. 1970 wird er erstmals in den Senat von Massachusetts gewählt, 1978 ist er Senatspräsident. Das Amt hält er bis 1996 – länger als jeder seiner Vorgänger und Nachfolger. Er stösst wichtige Sozialreformen an, ist Förderer des weltberühmten Boston Symphony Orchestra, ist den Eliteuniversitäten der Stadt eng verbunden, darunter Harvard und das Massachusetts Institute of Technology (MIT).

Edward Kennedy, Bill Clinton

Jedes Jahr am St. Patrick’s Day, dem irischen Nationalfeiertag am 17. März, lädt Billy Bulger die Elite der Stadt zu einem Frühstück ein. Hunderte kommen. 1994 etwa ist Senator Edward Kennedy dabei, ebenso der Gouverneur von Massachusetts und der Bürgermeister von Boston. Präsident Bill Clinton ruft an. Bulger brilliert als Entertainer, als Erzähler, als Sänger irischer Volkslieder.

Whitey Bulger, der «irische Al Capone», hat zu dieser Zeit seinen Zenit schon überschritten. Der Druck der regionalen Polizei auf das FBI wird grösser. Die Mafia ist fast zerstört, aber niemand scheint sich für Whitey Bulger zu interessieren. «Es war wie ein Wunder, dieser Typ scheint so viel Glück gehabt zu haben», beklagt sich ein Polizist bei der Zeitung «Boston Globe». «Aber es war eben mehr als Glück. Die Informationen, die er von uns erhielt, waren für ihn viel wertvoller als die Informationen, die er der Polizei zusteckte.»

Sein Bild hängt in jeder Polizeiwache

1990 verlässt John Connolly das FBI, um einen lukrativen Job in der Privatwirtschaft zu übernehmen. Langsam lässt auch der Schutz der Bundespolizei für Whitey Bulger nach. Neue Agenten übernehmen die Ermittlungen, junge Staatsanwälte machen Druck. Ende 1994 kommt zum ersten Mal eine umfassende Anklage gegen Whitey Bulger zustande: organisierte Kriminalität und die Beteiligung an mehr als einem Dutzend Morden werden ihm vorgeworfen. Aber er erfährt davon, bevor er verhaftet werden kann – ein letzter Gefallen von Connolly.

Darauf hat sich Whitey Bulger schon lange vorbereitet. Er hat Geld, Dokumente und Waffen an verschiedenen Orten in den USA gebunkert. Whitey taucht unter. Er bleibt 16 Jahre lang verschwunden. Sein Bild hängt in jeder Polizeiwache, immer wieder wird mit TV-Sendungen nach ihm gefahndet. Ein solches TV-Bild wird ihm letztendlich doch noch zum Verhängnis – in Island. Anna Bjornsdottir, ehemalige Miss Island und Schauspielerin in Hollywood, erkennt 2011 bei einem Besuch in ihrer Heimat in den TV-Nachrichten ihren Nachbarn aus Santa Monica: Charles Gasko, der stille ältere Herr aus der Wohnung nebenan, der mit seiner Frau Carol so gerne am Strand spazieren geht. Bjornsdottir informiert die Polizei – und kassiert 2 Millionen Dollar Belohnung.

Nette, unauffällige Rentner

Unter falschem Namen wohnten Whitey Bulger und seine langjährige Freundin Catherine Greig in einer bescheidenen Wohnung in dem Küstenvorort von Los Angeles. Sie zahlten ihre Miete immer zuverlässig in bar, galten als freundlich, wenn auch etwas zurückhaltend: nette, unauffällige Rentner, wie sie zu Tausenden an den sonnigen Küsten der USA anzutreffen sind. Als die Polizei die Wohnung durchsuchte, fand sie in Hohlräumen in den Wänden 30 Waffen und mehr als 800 000 Dollar. Und Bücher zu historischen Themen. Whitey Bulger hat die Jahre auf der Flucht als «die schönste Zeit meines Lebens» beschrieben, als endlose Flitterwochen. Er wurde alt in dieser Zeit, die 22 Jahre jüngere Catherine umsorgte ihn.

Aber aus dem milden alten Herrn wurde wieder der aufbrausende, streitbare Gangsterboss, als er vor Gericht mit seinen Verbrechen konfrontiert wurde. Eine junge Frau soll er eigenhändig erwürgt haben. Ein anderes Opfer folterte er stundenlang, bevor er den Mann erschoss. Drei Leichen liess er im Keller eines Hauses verscharren – und von seinen Helfern wieder ausgraben und verlegen, als das Haus verkauft wurde.

Als ehemalige Schützlinge gegen ihn aussagten, verfluchte Whitey sie im Gerichtssaal. Er weigerte sich, selbst in den Zeugenstand zu treten. Seine Verteidigung: Das FBI habe seine Verbrechen genehmigt, im Tausch für Informationen über die Mafia. Das ganze Verfahren sei ein Betrug. Tatsächlich hat die Kooperation mit Whitey Bulger dem Image des FBI schwer geschadet. Es gab Anhörungen vor dem US-Kongress, neue Regeln für den Umgang mit Informanten – und John Connolly wurde wegen Korruption und Beihilfe zu Mord verurteilt. Inzwischen auch schon 78, wird er den Rest seines Lebens im Gefängnis verbringen.

«Billy hat die Angst, die sein Bruder verbreitete, genutzt, um seine Gegner einzuschüchtern.»Michael McCormack

Billy Bulger hatte sich schon ganz am Anfang seiner politischen Karriere die Frage gestellt, ob sein berüchtigter Bruder ihm schaden, ob seine Wahl zum Regionalparlament gefährdet sein könnte. Aber er wurde mit einem Glanzresultat gewählt. Tatsächlich war die Verbindung zu Whitey seinem Image womöglich sogar hilfreich. «Billy hat die Angst, die sein Bruder verbreitete, genutzt, um seine Gegner einzuschüchtern», meinte etwa der Rechtsanwalt Michael McCormack.

Dass Billy seinem älteren Bruder je direkt geholfen hat, konnte nie belegt werden. Sicher ist, dass John Connolly von dem mächtigen Politiker protegiert wurde. Sicher ist auch, dass Billy Bulger nie bereit war, sich gegen Whitey zu stellen. «Er ist mein Bruder, ich liebe ihn», schrieb Billy in seiner Autobiografie.Seine politische Karriere endete, als er sich 2003 weigerte, vor einer Anhörung des US-Kongresses gegen Whitey auszusagen.

Billy Bulger lebt nach wie vor in Southie. Er ist 84 Jahre alt. Zum Tod von Whitey –Schweigen.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 10.11.2018, 15:11 Uhr