Der Nachhall des Ersten Weltkriegs

Vor 100 Jahren endete der Erste Weltkrieg. Es war ein Krieg, dessen Auswirkungen über Europas Grenzen hinausreichten – und bis heute spürbar sind.

Von Ute Spangenberger, SWR

In Frankreich und in Großbritannien ist der morgige 11. November ein Feiertag. Er erinnert an das Ende des Ersten Weltkriegs. “Armistice” oder “Remembrance Day” heißt dieser Tag – im Gedenken an den Waffenstillstand am 11. November 1918.

Die Briten nennen ihn auch “Poppy Day”. “Poppy” heißt auf Deutsch Mohnblume. Seit dem Ersten Weltkrieg steht der Klatschmohn als Symbol für das Erinnern an die gefallenen Soldaten. In den Schützengräben, auf den aufgeschütteten Soldatengräbern blühte damals der Mohn, rot wie das Blut der Soldaten.

Das Trauma der Niederlage

In Deutschland ist der 11. November kein Feiertag. “Die Niederlage im Ersten Weltkrieg ist das Trauma der Deutschen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gewesen”, beschreibt der Historiker Professor Andreas Rödder.

Bis heute – denn der Krieg hat in den Ländern Europas ganz unterschiedliche Erinnerungen hinterlassen. Und die politischen und territorialen Folgen beschäftigen uns immer noch.

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Europa vor und nach dem Ersten Weltkrieg

Europa vor dem Ersten Weltkrieg
Europa nach dem Ersten Weltkrieg

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Der Balkankrieg

“Der Erste Weltkrieg ist in Europa geführt worden, aber er hatte weltweite Ausstrahlung”, sagt Rödder. Als ein Beispiel nennt er den Zusammenbruch der Habsburger Monarchie: “Den Zusammenbruch der Habsburger Monarchie haben wir noch in den 1990er-Jahren in den Balkankriegen in seinen Nachwirkungen gespürt.”

Der Balkan war vor dem Ersten Weltkrieg das Pulverfass Europas gewesen. Nach 1918 war das neue Königreich Jugoslawien gegründet worden, in dem verschiedene Territorien zusammengefasst wurden. Der Historiker Rödder erklärt die Konstellation so: “Serbien war die dominierende Macht, die vor 1914 in einem scharfen Konflikt mit der Habsburger Monarchie gestanden hatte. Zu der Monarchie hatten aber Kroatien, Slowenien und Bosnien gehört.” Hier seien Territorien zusammengekommen, die ethnisch unterschiedlich gewesen seien, politisch zu unterschiedlichen Herrschaftsverbänden gehört und sich schon vorher bekriegt hätten.

Pulverfass Nahost

Ein weiteres Beispiel für die bis heute spürbaren globalen Folgen des Krieges ergab sich laut Rödder aus dem Ende des Osmanischen Reiches. Denn dessen Zusammenbruch hatte wiederum die Neuordnung der Staatsgrenzen im Nahen Osten zur Folge.

Im Ersten Weltkrieg hatten das Deutsche Reich und das Osmanische Reich zusammen gekämpft. Nach Kriegsende war das Osmanische Reich zusammengebrochen und territorial zerfallen. “Was wir heute als Irak, als Syrien oder als den Libanon kennen, das ist im Zusammenhang des Ersten Weltkriegs entstanden. Insofern geht heute der Zusammenbruch der Staatenordnung im Nahen Osten auf den Zusammenbruch des Osmanischen Reiches und die Neuordnung Europas nach dem Ersten Weltkrieg zurück”, erklärt Rödder.

Rolle der Kolonialmächte

Die Staatsgrenzen, von denen der Historiker spricht, haben vor allem Frankreich und Großbritannien als die großen Kolonialmächte gezogen. So haben beide Länder laut Rödder künstliche Staaten geschaffen, denen keine irgendwie gewachsenen Nationalitäten zugrunde lagen – mit Folgen bis heute.   

Zur “kolonialen Attitüde” der europäischen Staaten seien auch Auseinandersetzungen zwischen Regimen und Ideologien hinzugekommen sowie die Orientierung einzelner Regime im Kalten Krieg an der Sowjetunion oder an den USA. Hinzu seien das Öl und ökonomische und materielle Interessen vor Ort gekommen.

“Dennoch wäre es zu einfach zu sagen, dass Briten und Franzosen langwirkende Fehler gemacht haben, die bis heute nachwirken”, bewertet Rödder. Die Situation damals sei schwierig gewesen.

Nachwirkung auf afrikanische Gesellschaften

Der Erste Weltkrieg war nicht zuletzt auch deshalb global spürbar, weil Großbritannien und Frankreich Soldaten aus ihren Kolonien auf den Schlachtfeldern Europas eingesetzt hatten.

Rödder erklärt den Zusammenhang: “So kamen etwa Soldaten aus Schwarzafrika nach dem Krieg wieder zurück in ihre afrikanische Heimat – und zugleich fragten sich die Menschen in diesen afrikanischen Kolonien: Wie kann es sein, dass unsere jungen Männer in Europa ihr Leben lassen mussten, weil Briten, Franzosen und Deutsche sich auf dem europäischen Kontinent massakrieren?” Diese Erfahrungen, so Rödder, hätten die afrikanischen Länder von innen tief erschüttert.

Neuordnung Europas

Nach Kriegsende mussten die Landkarten in Europa neu gezeichnete werden. Auch die Kolonialreiche brachen schließlich binnen kurzer Zeit zusammen.

So endeten vor 100 Jahren zwar die Kampfhandlungen des Ersten Weltkrieges. Die Hoffnung auf dauerhaften Frieden allerdings erfüllte sich nicht – weder in Europa, noch darüber hinaus.