Antibiotika: Wissen Sie Bescheid?

Die Geschichte von der Entdeckung des Penicillins durch Alexander Fleming ist dermassen populär, dass sie dauernd als Paradebeispiel für glückliche Zufallsfunde herhalten muss.

Sie geht ungefähr so: Dem Bakteriologen geraten vor Antritt der Sommerferien im Jahr 1928 unbeabsichtigt Schimmelpilze der Gattung Penicillium in seine Staphylokokken-Kultur. Als er im September zurück ins Labor kommt, haben sich die Staphylokokken nicht wie erwartet vermehrt – und schon ist die antibakterielle Wirkung des Penicillins entdeckt.

Ganz richtig ist die Geschichte so allerdings nicht. Schon viele Jahre vor Fleming waren bereits andere Forscher den Antibiotika auf der Spur. Wer war’s?

Allerdings sollte es noch bis 1942 dauern, bis mit dem Medikament erstmals Patienten behandelt wurden. Der Grund dafür waren Schwierigkeiten, die keimtötende Substanz in ausreichender Menge zu gewinnen. Wegen der mühsamen Herstellung beschritten die Antibiotika-Forscher auch ungewöhnliche Wege: Sie schreckten nicht einmal davor zurück, den Stoff aus dem Urin der Behandelten zurück zu gewinnen.

Doch die Entwicklung der neuen Medikamente ging rasch voran. Noch in den 40er Jahren wurden mehrere neue Antibiotika-Klassen entdeckt. Fleming bekam zusammen mit Howard Florey und Ernst Chain den Nobelpreis für Medizin. Der Siegeszug der Antibiotika-Therapie hatte begonnen.

Heute sind Antibiotika aus dem medizinischen Alltag nicht mehr wegzudenken. Sie verhindern, dass grosse Operationen zum Spiel um Leben und Tod werden, und machen schwere Eingriffe wie eine Krebstherapie oder eine Organtransplantation überhaupt erst möglich.

Doch leider werden die praktischen Antibiotika nicht immer sinnvoll eingesetzt. Sie werden zu viel und zu oft eingenommen – und häufig auch dann, wenn sie gar nichts ausrichten können. Antibiotika wirken nämlich nicht gegen alle Mikroorganismen.

Häufig werden Antibiotika aber auch dann eingenommen, wenn gar nicht klar ist, welcher Erreger die Krankheit eigentlich ausgelöst hat. So wird das Gros der Antibiotika bei Infekten der oberen Luftwege verschrieben, die häufig viralen Ursprungs sind.

Ebenso problematisch ist die verbreitete Unkenntnis im richtigen Umgang mit Antibiotika.

Infolge des unbedachten Umgangs mit Antibiotika werden immer mehr Bakterien gegen eines oder mehrere bestimmte Antibiotika resistent. Diese überleben trotz Antibiotikum und vermehren sich weiter. Das verzögert die Heilung, in manchen Fällen führt die Erkrankung dann sogar zum Tod. Infektionen mit multiresistenten Bakterien erfordern eine intensivere Behandlung und den Einsatz weiterer Antibiotika, die meist nicht nur teurer sind, sondern auch schwere Nebenwirkungen verursachen können.

Daten aus den USA als auch der EU zeigen, dass resistente Krankheitserreger ein zunehmendes Problem für die öffentliche Gesundheit darstellen: Die Resistenz von bestimmten Erregern gegenüber gleich mehreren wichtigen Antibiotika nimmt in fast allen Staaten Europas zu. In den USA sterben laut Schätzungen 23000 Personen pro Jahr an Infektionen, die die Ärzte nicht mehr eindämmen können. Neue Schätzungen gehen von jährlich 33 000 Toten durch Antibiotika-Resistenzen in der EU aus. Das Schweizerische Zentrum für Antibiotika-Resistenzen (Anresis) zählte im Jahr 2015 fast 300 Tote in der Schweiz.

Verschärft wird die Problematik resistenter Keime dadurch, dass in der Veterinärmedizin und in der Tierzucht ebenfalls mit reichlich Antibiotika gearbeitet wird. Schlachtvieh bekommt Antibiotika, um Erkrankungen während der Aufzucht und Mast vorzubeugen. Entsprechend finden sich auf vielen Fleischwaren Keime, die gegen gängige Antibiotika resistent sind.

Zur Behandlung und Vorbeugung von bakteriellen Infektionen bei Tieren werden Antibiotika aus den gleichen chemischen Stoffklassen angewendet wie beim Menschen. Daher können Nutztiere Bakterien tragen, die gegen die beim Menschen verwendeten Antibiotika resistent sind.

Leider tritt auch die Pharma-Forschung punkto Antibiotika seit geraumer Zeit auf der Stelle. 2014, 2015 und 2016 wurden jeweils nur zwei neue Medikamente zugelassen. Die letzte Entdeckung einer neuen Klasse von Antibiotika liegt sogar noch länger zurück: das war in den 80er Jahren.

Dies steht im krassen Gegensatz zur Krebsforschung. Dort befinden sich ständig viele Hundert neue Substanzen in den klinischen Testphasen. Hinzu kommt, dass aller Voraussicht nach nur ein kleiner Teil dieser Stoffe alle klinischen Tests erfolgreich durchlaufen und irgendwann als Medikament verfügbar sein wird.

Umso wichtiger ist es, die vorhandenen Mitteln sparsam und umsichtig zu gebrauchen: Impfungen können viele Infektionen verhindern. Gute Hygiene bei Schnupfen, Husten und Niesen dämmt die Übertragung von bakteriellen und viralen Krankheitserregern ein. Antibiotika sollten gemäss Vorschrift eingenommen werden, und deren Reste nicht über den Hausmüll entsorgt, sondern bei einer Apotheke abgegeben werden.

So kann jeder dazu beitragen, die Wirksamkeit von Antibiotika möglichst lang zu erhalten.