Daimler stellt personelle Weichen für den Umbau zum Mobilitätskonzern

Mitten in einer der schwierigsten Phasen der letzten Jahre fällt Daimler für die Zukunft wichtige personelle Entscheide. Der seit dem 1. Januar 2006 amtierende Vorstandsvorsitzende und Leiter des Geschäftsfeldes Mercedes-Benz Cars, Dieter Zetsche, soll im Mai 2019 von Ola Källenius abgelöst werden, wie das Unternehmen am Mittwoch bekanntgab. Über den Wechsel war bereits seit längerem spekuliert worden. Der gebürtige Schwede, der seit 2015 Entwicklungsvorstand ist und zuvor zwei Jahre als Vorstand den Vertrieb geleitet hat, galt als Kronprinz für die planmässige Nachfolge des charismatischen Zetsche. Mit dem Austausch des Spitzenpersonals kommt es auch zum Generationenwechsel bei Daimler. Zetsche selbst soll nach einer zweijährigen Abkühlungsphase 2021 von Manfred Bischoff den Vorsitz des Aufsichtsrats übernehmen.

Wie schon vor wenigen Monaten bei der Deutschen Bank erhält nun auch bei Daimler ein Eigengewächs die Verantwortung für den Konzern. Källenius, der in Västervik geboren wurde, wuchs zwar in Schweden auf, startete aber bereits während des Studiums eine internationale Karriere. Nach den Masterstudiengängen International Management sowie Finance and Accounting an der Stockholm School of Economics und der Universität St. Gallen trat er bereits 1993 in die Nachwuchsgruppe der damaligen Daimler-Benz AG ein. In seiner langen Karriere arbeitete er für den Konzern unter anderem in der Zentrale in Stuttgart, in den USA und in Grossbritannien. Dabei verbrachte er den Grossteil seines Weges bei der Sparte Mercedes-Benz. Sein Lebenslauf erinnert auffallend an den des abtretenden Dieter Zetsche, als dessen Vertrauter er gilt. Mit dem Wechsel zu Källenius sichert sich Zetsche somit auch mittelfristig seinen Einfluss auf die Entwicklung des Konzerns.

Zetsche wird den Hersteller der Premium-Fahrzeuge mit dem Stern bei seinem Abschied im Jahr 2019 über 13 Jahre geprägt haben. Der in Istanbul geborene und in Frankfurt aufgewachsene Mann mit dem markanten Schnauzbart setzte sich bei seinem Amtsantritt gegen Wolfgang Bernhard und Eckhard Cordes durch, die wenige Jahre zuvor ebenfalls als Kronprinzen für die Nachfolge des damaligen Konzernchefs Jürgen Schrempp gegolten hatten. Der Elektroingenieur übernahm den damaligen DaimlerChrysler-Konzern in einer äusserst schwierigen Phase. Die als «Hochzeit im Himmel» angepriesene Fusion von Daimler-Benz mit Chrysler entwickelte sich für die Aktionäre angesichts einer katastrophalen Wert- und Kapitalvernichtung zur Hölle auf Erden. Rund anderthalb Jahre nach seinem Amtsantritt erfolgte schliesslich im August 2007 die Trennung von Chrysler. Wenig später wurde der Konzern in Daimler AG umbenannt.

In den Jahren danach erholte sich das Unternehmen und konzentrierte sich auf die Kernbereiche Personenwagen (Mercedes-Benz, Smart), Transporter und Lastwagen. 2010 kam es allerdings in den Vereinigten Staaten nach Ermittlungen der amerikanischen Börsenaufsicht zu einer Klage gegen Daimler wegen Korruption. Der Konzern hatte zwischen 1998 und 2008 in Russland, der Türkei, Ägypten und China Bestechungsgelder im zweistelligen Millionenbereich gezahlt. Im Rahmen eines Vergleichs inklusive Schuldeingeständnis zahlten die Stuttgarter 185 Mio. $ an die amerikanischen Behörden und erhielten Auflagen zur Korruptionsbekämpfung.

Wenngleich der Start von Källenius im kommenden Jahr unter nicht ganz so düsteren Vorzeichen stattfinden dürfte wie jener von Zetsche im Jahr 2006, steht auch der Schwede vor gewaltigen Aufgaben. Zum einen muss er den Prozess fortsetzen, Daimler auf das Zeitalter der Elektromobilität vorzubereiten und weiter in einen Mobilitätskonzern zu transformieren. Zu diesem Zweck gibt sich Daimler künftig eine Holdingstruktur mit den Einheiten Personenwagen, Lastwagen und Dienstleistungen. Zum anderen hat das Unternehmen zahlreiche offene Baustellen. Behörden werfen Daimler vor, unzulässige Abschalteinrichtungen für die Abgasreinigung verwendet zu haben, weswegen Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer jüngst einen amtlichen Rückruf von 238 000 Dieselfahrzeugen allein in Deutschland angeordnet hat. Europaweit muss das Unternehmen 774 000 Fahrzeuge zurückrufen. Allerdings wurde keiner der inkriminierten Motoren in den USA verkauft, weshalb die Reaktion an der Börse auf die Nachricht noch einigermassen verhalten ausfiel. Daimler weist die Vorwürfe zurück und will die Sache gerichtlich klären lassen.

Zudem steht Daimler unter Verdacht, zusammen mit den Volkswagen-Marken VW, Audi und Porsche sowie dem Münchner BMW-Konzern über viele Jahre unzulässige technische Absprachen getroffen zu haben. Die EU-Kommission ermittelt deshalb im Rahmen eines Kartellverfahrens gegen die Hersteller, wobei Daimler und VW offenbar versuchen, eine Kronzeugenregelung für sich in Anspruch zu nehmen. Darüber hinaus muss Daimler, wie auch andere Hersteller, die strengen regulatorischen Vorgaben für Schadstoffemissionen erfüllen und leidet derzeit unter dem eskalierenden Handelskonflikt zwischen den USA und anderen Ländern beziehungsweise Regionen, was bereits auf die Gewinnentwicklung durchgeschlagen hat. Im Sommer hatte der Konzern eine Gewinnwarnung herausgegeben, was einen Bewertungsabschlag an der Börse zur Folge hatte. Mit dem Wechsel zu Källenius ist bei Daimler für Kontinuität gesorgt, doch der Neue auf dem Stuhl des Konzernchefs wird angesichts der Probleme kaum Zeit zur Einarbeitung und nur eine kurze Schonfrist haben.

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